Schreiben an Prof. Dr. Tom Bschor, Mitverfasser der deutschen Leitlinien zur Behandlung von Depressionen bzgl. der geänderten Leitlinien in England

Zuletzt aktualisiert am 15.08.2022

In England wurden die Behandlungsleitlinien für Depressionen geändert. So werden u.a. Hausärzte dazu aufgefordert einem depressiven Menschen nicht als erste Behandlungsmöglichkeit Antidepressiva anzubieten und es gibt eine Zusatzleitlinie bzgl. Abhängigkeit und Entzugsmanagement, die auch für Antidepressiva gilt. Ich habe Professor Dr. Tom Bschor, der Mitverfasser der deutschen Behandlungsleitlinie für Depressionen ist angeschrieben und gefragt ob die Leitlinien aus England übernommen werden.

Die DGPPN »Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V.« verfasst die deutschen Behandlungsleitlinien für psychische Erkrankungen. Dazu gehören auch die Behandlungsleitlinien für Depressionen

Prof, Dr. Tom Bschor ist Psychiater und Mitverfasser dieser Leitlinie . Er hat für eine Person in dieser Position ein durchaus kritisches Buch über die Gabe von Antidepressiva bei Depressionen geschrieben. Ich habe eine Rezension über sein Buch Antidepressiva. Wie man die Medikamente bei der Behandlung von Depressionen richtig anwendet und wer sie nicht nehmen sollte: Vom Mitautor der Behandlungsleitlinie für Depressionen bei amazon geschrieben.

In einem Interview mit dem dpa-Themendienst, dass in mehreren Zeitungen u.a. auch in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht wurde, sagt er auf die Fragen des Interviewers:

Sie haben ein Buch über Antidepressiva und ihre korrekte Verwendung geschrieben. Warum?

Mein Eindruck ist, dass Antidepressiva deutlich zu oft verschrieben werden – nämlich auch dann, wenn entweder gar keine Depression vorliegt oder die Antidepressiva dem Patienten gar nicht helfen. Und dann gibt es Fälle, wo Patienten die Antidepressiva teils über Monate und Jahre weiternehmen, obwohl es gar nicht mehr sein müsste. Mit der Folge, dass es dann nach dem Absetzen Entzugserscheinungen gibt oder den sogenannten Rebound, bei dem die Depression mit besonderer Wucht zurückkommt.

Wenn sie (die Antidepressiva, Anmerkung des Webautors) nicht helfen, es aber das Risiko von Entzugserscheinungen gibt – kann ich sie dann nicht auch einfach weiternehmen, zur Sicherheit?

Das würde ich nicht tun. Denn es gibt ja schon Nebenwirkungen. Einige Antidepressiva erhöhen zum Beispiel die Blutungsneigung. Wenn sie ansonsten funktionieren, ist das ein abwägbares Risiko – sonst aber eher nicht. Und grundsätzlich bedeuten Antidepressiva einfach einen Eingriff in den Stoffwechsel des Gehirns. Ohne therapeutische Wirkung ist das meiner Meinung nach nicht zu verantworten.

Das ist eine der kritischsten Aussagen eines Psychiaters über Antidepressiva, die ich bisher gehört habe. Dazu kommt Sie von einem der Mitverfasser der deutschen Behandlungsleitlinie unipolare Depression. Das ist mutig und es ist ehrlich, denn es entspricht den wissenschaftlichen Erkenntnissen. Ich bin sehr dankbar, dass eine Person mit so großer Verantwortung und Einfluss, das offen sagt.

Das ganze Interview kann hier gelesen werden:

Warum Antidepressiva eine Therapie nicht ersetzen

Mein Schreiben vom 24.07.2022 an Prof. Dr. Tom Bschor

Sehr geehrter Prof Dr. Tom Bschor,

mit großem Interesse habe ich Ihr neuestes Buch gelesen, in dem Sie sagen, was längst feststeht, es gibt kein biochemisches Ungleichgewicht, das Ursache für Depressionen ist und das durch Antidepressiva wieder ausgeglichen wird. Ich danke Ihnen für den Mut zu einer kritischen Betrachtung der Behandlung mit Antidepressiva, die ich in vielen Punkten teile. Ich hoffe, Sie schenken dieser etwas längeren E-Mail Ihre volle Aufmerksamkeit.

In England wurden gerade die Behandlungsleitlinien geändert. Da Sie Mitverfasser der deutschen Leitlinie unipolare Depression sind würde ich gerne wissen, ob die DGPPN diese wichtigen Änderungen aus England übernimmt? Dazu hätte ich gerne eine Stellungnahme von Ihnen für mein Infoportal, auf dem ich über die Risiken und Nebenwirkungen, das körperliche Abhängigkeitspotenzial, erhöhtes Suizidrisiko und die geringe pharmakologische Wirkung von Antidepressiva aufkläre (was Sie zum Teil in Ihrem Buch auch tun) und auf dem ich diese E-Mail an Sie als Beitrag veröffentlichen werde und die Stellungnahme von Ihnen, falls Sie eine abgeben möchten, dann erwähne ich das in einem Kommentar.

Die neuen Behandlungsleitlinien in England fordern Hausärzte dazu auf bei der Diagnose einer Depression nicht als erste Maßnahme Antidepressiva zu verordnen. Das ist verständlich, da die meisten Erstverschreibungen von Antidepressiva durch den Hausarzt erfolgen. Weitere Punkte sind:

  1. Bei leichten Depressionen sollen Antidepressiva gar nicht eingesetzt werden sondern Psychotherapie, u.a. die MBCT, achtsamkeitsbasierte Verhaltenstherapie der Oxford University, die bereits zur Rückfallprophylaxe sehr erfolgreich eingesetzt wird sowie weitere Maßnahmen.
  2. Bei mittelschweren Depressionen gilt das gleiche, es sei denn der Patient wünscht nach ausführlicher Aufklärung eine Behandlung mit Antidepressiva.
  3. Bei schweren Depressionen sollen Antidepressiva weiterhin verordnet werden.
  4. Zusatzleitlinie: Arzneimittel, die mit Abhängigkeit oder Entzugssymptomen einhergehen: sichere Verschreibung und Entzugsmanagement für Erwachsene

Mein Infoportal hat seit Gründung im Jahr 2018 300.000 Seitenbesucher. Ich habe mir ein Netzwerk von Experten in Deutschland und England bzw. den USA aufgebaut und stehe im regelmäßigen Austausch mit diesen bzw. informiere mich auf deren Websites und lese deren Fachbeiträge bzw. Bücher.

Ich selbst bin passives Mitglied in der DGSP (Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie). Der Ausschuss Psychopharmaka hat bereits 2019 das Positionspapier Annahmen und Fakten: Antidepressiva publiziert, in dem den Annahmen die Fakten gegenübergestellt werden und die Gesundheitspolitik, Krankenkassen sowie die Leistungserbringer und ihre Fachverbände zu einem Umdenken aufgefordert hat.

Der Fachausschuss Psychopharmaka hat im August 2020 eine Ergänzung zur Stellungnahme Annahmen und Fakten: Antidepressiva vom 12. Juni 2019 vorgelegt. Thema sind hier persistent postwithdrawal disorders (hartnäckige dem Entzug folgende Beschwerden).

»Deutsche Gesellschaft für soziale Psychiatrie« veröffentlicht wichtiges Positionspapier »Annahmen vs. Fakten: Antidepressiva« und fordert zu einem Umdenken auf

Eigene Betroffenheit

Mir wurde 2009 das »SSRI-Antidepressiva« Paroxetin mit 60 mg verordnet wegen einer Angststörung. Ich wurde damals nicht über die geringe Wirksamkeit im Vergleich zum hohen Abhängigkeitspotenzial von Paroxetin aufgeklärt. Es hatte auch keine Wirkung bzgl. der Angst und es löste bei mir eine Depression sowie vollständige Impotenz aus. Außerdem bekam ich viele Nahrungsmittelunverträglichkeiten und eine Blasenentleerungsstörung, von der der Urologe sagte, das käme öfters unter Einnahme von Antidepressiva vor.

Trotzdem wurde es weiter gegeben und kein Arzt und kein Psychiater stellte sich mal die Frage, warum ich ein Medikament so lange einnehme, das keine Wirkung hat, dann wäre mir vielleicht großes Leid erspart geblieben.

Je länger die Einnahme umso schwerer das Reduzieren und absetzen von Psychopharmaka, das weiß ich heute und ist auch wissenschaftlich belegt. Damals wusste das niemand, der mich behandelt hat.

2012 versuchte ich erstmals das SSRI abzusetzen, da ich vollständig impotent war und Depressionen bekam, außerdem machte der Magen-Darm-Trakt Beschwerden, ich bekam immer öfter starke Koliken, musste auf Gluten, Lakotse, Fruktose und Histamin verzichten, da bleibt nicht viel, was man noch ohne Beschwerden essen kann.

Ich dachte, das wird keine große Sache und kann unmöglich noch schlimmer sein als die beiden Benzodiazepinentzüge, die ich zu diesem Zeitpunkt schon hinter mir hatte und die die Hölle auf Erden waren. Auch für die Oberärztin der Tagesklinik war das so. Ich vertraute ihr und ich wurde eines besseren belehrt: Schon nach wenigen Tagen bekam ich das »SSRI-Absetzsyndrom«. Ich bekam starke Magen-Darm-Krämpfe, Unruhe, Angst und Empfindungs- und Wahrnehmungsstörungen, wie kribbeln in Armen und Beinen, starke Muskelanspannung und -verkrampfung, spastische Zuckungen.

Alles keine typischen Symptome einer Depression, womit ein Rebound ausgeschlossen war, zumal diese Symptome wieder nach wenigen Tagen weggingen, nachdem ich das Medikament wieder auf die vorherige Dosis aufdosierte.

Die Reduzierung erfolgte nach der offiziellen Empfehlung alle 4 Wochen die Dosis halbieren. Ich habe bis heute mehr als 10 gescheiterte Entzugsversuche hinter mir. Das SSRI-Absetzsyndrom dauerte keinesfalls nur wenige Wochen, wie im Beipackzettel angegeben, es können Monate oder Jahre sein.

Ich habe mich in Foren und Facebook-Absetzgruppen informiert, vor allem in US-Foren. Danach wusste ich, woher die Symptome kommen. Ich weiß seit dem, das es sich bei diesen Symptomen keineswegs um Symptome der Rückkehr der Krankheit handelt, wie mir mein Psychiater mitteilte.

Nein, das sind Entzugssymptome, auch Antidepressiva können körperlich abhängig machen. Es dauert etwas länger als bei den Benzodiazepinen, aber es geschieht. Es kommt mit Dauer der Einnahme zu einem »Serotonin-Defizit-Syndrom«. Das Antidepressivum blockiert nicht nur die Serotoninrezeptoren im Gehirn sondern auch im Darm, wo 95% des Serotonins produziert werden.

Die DGSP geht im Positionspapier auf den Begriff »Sucht« ein und schreibt dazu folgendes:

Wir wollen den alten Streit um die Begriffe Abhängigkeit und Entzug nicht weiter verfolgen. Es ist eindeutig, dass die Patienten körperliche Entzugserscheinungen beim Absetzen der Medikamente erleiden können. Hauptstreitpunkt der Debatte ist das nicht vorhandene drogensuchende Verhalten bei Nutzern von Antidepressiva. Ob dies eine Rechtfertigung für den Nichtgebrauch des Wortes Abhängigkeit darstellt, darf bezweifelt werden.

Wie man Antidepressiva richtig reduziert und absetzt

Der Psychiater in Ausbildung Dr. Mark Horowitz erklärt in einem von ihm und Dr. David Taylor, Professor für Psychopharmakologie am Kings College London, publizierten Fachbeitrag, wie die Abhängigkeit von Antidepressiva entsteht und dass die offizielle Methode zu schnell ist und zu mehr oder weniger starken Entzugssymptomen führt. Sie zeigen für alle SSRI und SNRI wie viele Rezeptoren bei welcher Dosis belegt sind bzw. beim Reduzieren frei werden, was die Entzugssymptome verursacht, weil es jetzt zu einem biochemischen Ungleichgewicht im Gehirn kommt, dass das Gehirn erst wieder ausgleichen muss, um wieder den Normalzustand der Homöostase herzustellen.

Absetzmethode zur Verminderung von Entzugssymptomen beim Reduzieren und Absetzen von SSRI-Antidepressiva

Dr. Horowitz ist nicht nur Psychiater in Ausbildung sondern auch Betroffener. Er nimmt seit mehreren Jahren das SNRI Venlafaxin. In einem Interview mit Mad in America spricht er über seine Erfahrungen und sagt:

Ich hatte noch nie etwas über Entzugserscheinungen bei Antidepressiva gehört, weder im Medizinstudium noch in meiner Psychiatrieausbildung.

Dort sind Antidepressiva harmlose Medikamente mit guter Wirkung. Dort wird das biochemische Modell als Ursache für Depressionen noch immer gelehrt.

Er sagt:

Ich denke, wenn ich das Entzugssyndrom nicht erlebt hätte, wäre ich sehr skeptisch gewesen. Ich denke, wenn ein Patient zu mir gekommen wäre [bevor ich es erlebt hatte] und gesagt hätte, dass er echte Probleme hätte, ein Antidepressivum abzusetzen, wäre ich wahrscheinlich geneigt gewesen, ihm nicht zu glauben.

Erst die eigene Betroffenheit hat seine Meinung geändert und er fing an, dass was er gelernt hatte in Studium und Ausbildung zu hinterfragen. Kollegen glaubten ihm nicht, erst in den Absetzforen bekam er Antworten auf seine Fragen und dann fing er an zu forschen und verfasste einen Fachartikel zusammen mit Dr. David Taylor darüber.

Überdosierung von SSRI- und SNRI-Antidepressiva

Sieht man sich die konkreten Absetzschemata für jedes SSRI und SNRI an, stellt man fest, dass z.B. bei Citalopram bei einer Dosis von 20mg mehr als 80 % der Rezeptoren belegt sind und eine höhere Dosis nur unwesentlich mehr Rezeptoren belegt:

bei einer Dosis von 40 mg sind es 85,9 %
bei einer Dosis von 60 mg sind es 87,8 %

Das trifft so in etwa auf alle SSRI und SNRI zu und im Beipackzettel sind je nach Medikament 20 bis 40 mg Standard, eine Erhöhung auf 60 mg maximal möglich, bei Sertralin sind 50 – 100 mg Standarddosis. Pharmakologen gehen davon aus, dass SSRI und SNRI in der Regel überdosiert verordnet werden. Diese Medikamente sind hochpotent in ihren Auswirkungen nicht verwechseln mit Wirkung.

Ich habe die Facharbeit für Laien verständlich auf meinem Infoportal übersetzt und veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Dr. Horowitz, ebenso das erwähnte Interview, das man hier lesen kann und weitergeben darf an Kollegen, Betroffene und Interessierte, das ist der Wunsch von Dr. Horowitz.

Peer-Support-Gruppen hatten Recht, Leitlinien waren falsch: Dr. Mark Horowitz über das Absetzen von Antidepressiva

Ich gehe seit 10 Jahren durch die Hölle, weil man bei mir aus Unwissenheit alles falsch gemacht hat, was man falsch machen kann. Ich befinde mich im Langzeitentzug mit sehr vielen starken psychischen und physischen Entzugssymptomen. Wenn man den Entzug nicht von Anfang an richtig macht, dann ist das Kind wie man so sagt bereits in den Brunnen gefallen. Das Nervensystem sensibilisiert sich sehr schnell mit jedem gescheiterten Entzugsversuch mehr und mehr, d.h. es reagiert schon auf kleinste Veränderungen mit sehr starken Symptomen, ein Reduzieren und Absetzen wird immer schwerer und jeder Versuch hinterlässt Spuren in Form von Verstärkung von bereits vorhandenen Entzugssymptomen, auftreten neuer Entzugssymptomen und Manifestierung von Entzugssymptomen.

Man ist in einer ausweglosen Situation gefangen. Mein Leben ist nicht mehr lebenswert, ich habe massive Symptome, die erst weggehen, wenn ich das Medikament abgesetzt habe und sich das Gehirn wieder remodelliert hat. Leider komme ich kein mg mehr runter ohne gleich eine weitere Verstärkung der Entzugssymptome nach wenigen Tagen zu bekommen und ich traue mich auch gar nicht mehr zu reduzieren, weil ich Angst habe, es könnten beim nächsten mal die sich einem zwanghaft aufdrängende Suizidgedanken sein, die als Spur bleiben, was ich 3 mal erlebt habe und nur überlebt habe, weil ich wusste, was es war.

Ich bin, wie Dr. Horowitz fest davon überzeugt, dass die meisten Psychiater ihren Patienten nicht absichtlich schaden wollen, es aber tun, weil ihnen das Wissen fehlt, sie haben das nie gelehrt bekommen. Sie sind hilflos und froh, wenn da plötzlich die Pharmaindustrie daher kommt und sagt, wir haben das Medikament, dass euren Patienten hilft und Ärzte und Psychiater und Patienten das dankbar annehmen und der Pharmaindustrie blind vertrauen.

Ich verstehe bis heute nicht, wie sich das biochemische Modell, also ein Ungleichgewicht an Botenstoffen wie Serotonin als Ursache für Depressionen und dessen Beseitigung durch die Gabe von SSRI oder SNRI Antidepressiva, Jahrzehnte halten konnte.

Woher will man wissen, dass ein Ungleichgewicht an Botenstoffen Ursache für Depressionen ist, wenn man den Serotoninspiegel im Gehirn gar nicht messen kann? Kaum ein Psychiater weiß, dass das meiste Serotonin im Körper produziert wird (95%) und nur wenig (5%) im Gehirn.

Ich mache niemanden den Vorwurf das alles nicht gewusst zu haben, man kann nichts dafür, wenn es gar nicht gelehrt wird.

Der Vorwurf, den ich Ärzten und Psychiatern mache ist, den Versprechungen der Pharmahersteller bzgl. dieser Antidepressivagruppe blind vertraut zu haben und diese nicht genug hinterfragt zu haben. Selbst ein Laie erkennt, das man die Aussage der Pharmahersteller, die auch noch als wissenschaftlich bewiesen propagiert wurde, nicht treffen kann, wenn man das nicht messen kann. Vielleicht wollten Ärzte und Psychiater einfach glauben, was die Pharmahersteller versprachen und als wissenschaftlich bewiesen propagierten, weil sie ihren Patienten helfen wollten und bis dahin nicht so gut konnten. Selbst das ist keine Entschuldigung dafür, sich nicht ausführlich informiert zu haben.

Hauptwirkung Placebo

Es ist nicht abzustreiten, dass die SSRI und SNRI ganz vielen Patienten helfen, auch wenn es der »Placeboeffekt« ist, der dafür in den meisten Fällen verantwortlich ist. Selbst das wäre kein Problem, wenn es nicht auch diese schlimmen Nebenwirkungen und das körperliche Abhängigkeitspotenzial und bewiesene erhöhte Suizidrisiko gäbe.

Nutzen-Risiken-Abwägung

Ein wichtiges Kriterium zur Verordnung von Medikamenten ist die Nutzen-Risiken-Abwägung, also ob der Nutzen oder die Risiken überwiegen. Bei den SSRI und SNRI kommt man zu dem Ergebnis, dass die Risiken die Wirkung deutlich übertreffen und es daher nicht zu verantworten ist, sie zu verschreiben.

Gefälschte Zulassungsstudie: Der Seroxat-Skandal

Diese Medikamente dürfte es auch gar nicht geben. Sicherlich kennen Sie auch den Seroxat-Skandal Der Hersteller von Paroxetin (Seroxat) GlaxoSmith&Kline hatte der FDA, der Zulassungsbehörde für neue Medikamente, verschwiegen, dass es während der Zulassungsstudie zu mehr als 20 Suiziden und mehr als 40 Suizidversuchen unter den Probanden der Studie gekommen war. Das Medikament wäre niemals zugelassen worden und auch kein anderes SSRI oder SNRI, denn alle wirken auf die gleiche Weise und unterscheiden sich nur in der Halbwertszeit.

Möchte man weitere Abhängige vermeiden, sollten diese Medikamente nicht mehr neu verschrieben werden. Wer sie bereits nimmt, soll sie weiter nehmen können, weshalb man die SSRI und SNRI auch nicht vom Markt nehmen sollte.

Aufklärung vor Verordnung: Meine erwünschten Voraussetzungen zur Verordnung von Antidepressiva

Bei schweren Depressionen sollte man auch weiterhin Antidepressiva verordnen, bei leichten Depressionen ist Psychotherapie zu empfehlen, wie es die englischen Leitlinien vorsehen und bei mittelschweren Depressionen entscheidet der Patient nach vorheriger verbindlicher Aufklärung über Wirkung, Nebenwirkungen und Risiken. Mit verbindlich meine ich, dass der Patient anhand eines Frage- und Aufklärungsbogens und Gespräches mit dem Arzt schriftlich bestätigt, dass er aufgeklärt wurde und eine Behandlung mit Antidepressiva wünscht oder nicht und der Arzt schriftlich bestätigt, dass er aufgeklärt hat. So wie man das vor einer OP oder Koloskopie macht. Dazu eignet sich die Hamilton-Skala nicht, mit der man eine Depression und deren Schweregrad diagnostiziert.

Die in den Beipackzetteln angegebenen Standarddosen bei den SSRI von 40 mg sind viel zu hoch. Wie der Fachartikel von Dr. Horowitz zeigt, sind bei 40 mg nur unwesentlich mehr Rezeptoren belegt, als bei 20mg. Selbst in kleinsten Dosen sind diese Medikamente hochpotent in ihren Auswirkungen nicht zu verwechseln mit Wirkung.

Sie machen aus einem eigentlich gesunden Gehirn ein krankhaft stark verändertes Gehirn. Sie beseitigen kein biochemisches Ungleichgewicht sondern erzeugen dieses erst mit Dauer der Einnahme.

England hat das alles erkannt und gehandelt. Dort werden gerade 3 Ambulanzen eingerichtet, in denen qualifizierte Psychopharmaka-Entzüge nach dem hyperbolischen Absetzschema von Dr. Horowitz durchgeführt werden. Die Behandlung kann bis zu 3 Jahren oder länger dauern, es gibt keine zeitliche Beschränkung. Erst wenn das Medikament abgesetzt wurde und der Patient psychisch und physisch stabil ist, endet die Behandlung. Die Kosten werden vollständig vom NHS National Health Service übernommen. In Deutschland wären das die gesetzlichen Krankenkassen.

Solch eine Einrichtung bräuchte ich auch, leider bin ich kein Engländer. In Deutschland gibt es kein passendes Setting für einen qualifizierten Antidepressivaentzug, der die Notwendigkeit des langsamen hyperbolischen Reduzierens berücksichtigt. Dieser wird stationär zu schnell und in zu großen Dosisschritten gemacht und was dann passiert zeigt die Facharbeit von Dr. Horowitz eindrücklich!

Ich wünsche mir von der DGPPN, dass sie die Behandlungsleitlinien aus England möglichst schnell übernimmt und gerne noch deutlicher formuliert. Ich wünsche mir, dass es irgendwann auch De-Prescribing-Ambulanzen in Deutschland gibt. Ich weiß aber nicht, ob ich noch solange durchhalte! Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass ich mir wie viele Betroffene das Leben nehme, weil die Entzugssymptome nicht mehr länger zu ertragen sind und keine Besserung eintritt bzw. der Entzug gar nicht mehr möglich ist, so wie sich Dr. Ed White vor kurzem das Leben nahm. Er war Psychiater und abhängig von einem SSRI oder SNRI. Er hat wichtige Arbeit für uns Betroffene geleistet, wir verdanken ihm sehr viel!

RIP: Ed White – Advocate, Researcher and Supporter

Ich möchte wieder leben, statt nur zu überleben, was mit Leben rein gar nichts zu tun hat!

Die unrühmliche Rolle der Selbsthilfeorganisationen

Die Selbsthilfeorganisationen, wie die Deutsche DepressionsLiga e. V., die »Stiftung Deutsche Depressionshilfe« und das Bündnis gegen Depression klären leider gar nicht auf und halten zum Teil sogar noch am biochemischen Modell fest und empfehlen Antidepressiva ohne über deren Risiken und Nebenwirkungen aufzuklären. Von solchen Organisationen erwarte ich, dass ich als Person mit Depressionen umfassend aufgeklärt werde und nicht irgendwann abhängig von Antidepressiva bin und diese nicht mehr absetzen kann, im Kaltentzug oder Langzeitentzug lande.

Da dies nicht geschieht, das man weiter am biochemischen Modell festhält und die Fakten systematisch leugnet und das Leid von uns Betroffenen systematisch ignoriert und leugnet, lässt nur eine Schlussfolgerung zu: Diese Organisationen sind Lobbyorganisationen der Pharmaindustrie. Daran besteht bei uns Betroffenen kein Zweifel. Professor Ulrich Hegerl, Gründer der Stiftung ist der Cheflobbyist in Deutschland. Man könnte denken, dass diese Organisationen unabhängig voneinander sind, tatsächlich vereinigen sie sich alle unter der Stiftung Deutsche Depressionshilfe von Professor Hegerl. Spätestens wenn man die Bücher von Peter C. Goetzsche gelesen hat, wird einem das Ausmaß der unheilsamen Allianz von Psychiatrie und Pharmaindustrie bewusst. Sein Ausschluss aus Nordic Cochrane zeigt, was passiert, wenn man sich mit der Pharmaindustrie anlegt und Namen nennt von Psychiatern, die Lobbyisten der Pharmaindustrie sind, man zerstört Karrieren und die Reputation, das hat der Fall Goetzsche gezeigt und die Reaktion von Cochrane Deutschland war auch eindeutig, man verurteilt den Ausschluss und gibt zu, dass man nicht so ganz unabhängig ist, wie man sagt.

Welch großes Ausmaß diese Tragödie hat, lässt sich nur erahnen. Es gibt eine Studie, die zeigt, dass Antidepressivaentzugssymptome bisher sowohl in Dauer, Häufigkeit und Schwere unterschätzt würden.

Neue Studie zeigt: Häufigkeit, Dauer und Schwere von Antidepressivaentzugssymptomatik bisher unterschätzt

Da diese Studie in der Fachzeitschrift „NeuroTransmitter“ Ihres Berufsverbandes deutscher Nervenärzte publiziert wurde, sollten Sie und alle Kollegen, die dem Verband angehören, das wissen. Sie können nicht mehr länger leugnen, was Tatsache ist.

Ich vermute das Ausmaß ist ähnlich groß wie die Opioidkrise in den USA, nur leider nicht so offensichtlich!
Ich war in den letzten Jahren in verschiedenen Foren und Facebook-Absetzgruppen beratend tätig und habe einen Teil des Ausmaßes gesehen, Patienten, die verzweifelt sind, denen keiner glaubt.

Man geht in die Psychiatrie ohne Psychopharmaka rein und kommt mit 2-3 wieder raus. Meist ein SSRI oder SNRI
Antidepressiva, ein Neuroleptika und ein Benzodiazepin.

Damit ist die nächste Behandlung schon vorprogrammiert. Der Patient bekommt viele Nebenwirkungen dagegen bekommt er noch mehr Psychopharmaka bzw. die Dosen werden erhöht. Der Patient ist Opfer der sogenannten Psychiatrie-Drehtür, aus der er wenn überhaupt nur sehr schwer wieder rauskommt. Entzugssymptome werden als Rückkehr von Krankheitssymptomen angesehen.

Man blickt in tiefe Abgründe, schwere Schicksale und in den eigenen Abgrund. Denn irgendwann blickt der Abgrund der anderen in Dich zurück, das wusste schon Nietzsche.

Es ist schon erstaunlich, was in England in den letzten 1 bis 2 Jahren alles geschehen ist. Die Reports der beiden größten Fachgesellschaften und die radikale Änderung der Leitlinien. Da fragt man sich doch, was ist da passiert?

Ich habe eine Theorie: Der Brexit ist der Grund dafür. England ist nicht mehr Mitglied der EU und englische Politiker sind nicht mehr dem massiven Einfluss von Lobbyisten in Brüssel ausgeliefert, wo auf einen Politiker mehrere Lobbyisten kommen.

Was alles möglich ist, innerhalb kürzester Zeit, das zeigt sich, wenn dieser Einfluss der Pharmaindustrie nicht mehr besteht. Die Fakten sind schon lange bekannt und dürfen nicht länger ignoriert werden!

Bitte antworten Sie mir bis Ende der Woche, ob Sie eine Stellungnahme dazu abgeben möchten oder nicht. Falls nicht, werde ich dem Beitrag einen Hinweis evtl. auch Kommentar hinzufügen.

Freundliche Grüße

Markus Hüfner

Antwort der Assistentin von Prof Dr. Tom Bschor vom 01. August 2022

Sehr geehrter Herr Hüfner,

im Namen von Prof. Bschor darf ich Ihnen für Ihre ausführliche E-Mail danken.

Prof. Bschor möchte Ihnen seine Anerkennung für Ihr großes Engagement zum Thema Antidepressiva aussprechen Ihnen darüber hinaus für Ihre persönliche Gesundheit alles Gute wünschen.

Da Prof. Bschor kürzlich eine neue, sehr große und umfangreiche berufliche Aufgabe übernommen hat (https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/133802/Krankenhausreform-Lauterbach-stellt-Expertengremium-vor), ist es Herrn Bschor aus zeitlichen Gründen leider nicht möglich, Ihnen im Detail zu antworten. Er bittet hierfür um Ihr Verständnis.

Mit freundlichen Grüßen,

A. Kleemann, M.Sc.
Assistentin von Prof. Bschor

Kommentar:

Auf Nachfrage teilte mir die Assistentin von Prof Bschor mit, dass dieser auch weiterhin Mitautor der S3 Leitlinie für Depressionen sowie für Bipolare Störungen ist.

Ich habe sie gebeten, den übersetzten Fachartikel Prof. Bschor vorzulegen und ich habe Dr. Horowitz mitgeteilt, dass ich das getan habe. Er wollte einen Link zum Buch haben. Außerdem übersetze ich gerade für Dr. Horowitz meine Rezension zum Buch in die englische Sprache.

Aloha*

Veröffentlicht von

Das bin ich: Blogger, Webdesigner und Künstler. In diesem Blog schreibe ich über meine Erfahrungen mit der Heilkraft der buddhistischen Psychologie und dem Absetzen von Psychopharmaka. Ich gebe wertvolle Tipps und zeige einen erfolgreichen Weg aus der Psychopharmaka-Falle durch das A-B-S-Konzept.