Achtsamkeit

» Wenn wir wirklich lebendig sind, ist alles, was wir tun oder spüren, ein Wunder. Achtsamkeit zu üben bedeutet, zum Leben im gegenwärtigen Augenblick zurückzukehren. «Thich Nhat Hanh

Grünes Blatt mit Regentropfen

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Der erste Wert ist die Achtsamkeit. Nachfolgend wirst Du erfahren, was Achtsamkeit ist und wie man Achtsam sein lernen kann?

Dazu werde ich Dir das MBSR-Programm von Jon Kabat-Zinn vorstellen sowie eine kleine Übung zur Achtsamkeit, die »Schokoladen-Meditation«. Zum Schluss werfen wir einen Blick aus Sicht der Wissenschaft auf die Achtsamkeit.

Im Moment gibt es einen regelrechten Hype zum Thema Achtsamkeit. Auf der einen Seite ist es erfreulich, dass die Achtsamkeit auch in der westlichen Welt angekommen ist. Insbesondere in der Psychologie und den neueren Verhaltenstherapien ist sie von großen Wert. Andererseits wird sie als »Allheilmittel zur Selbstoptimierung«, als »Methode zur Leistungssteigerung für den Alltag«, und als »Instrument zur Erzeugung von positiven Gefühlen« vermarktet. Fast alle großen Konzerne bieten Achtsamkeitskurse für ihre Mitarbeiter an, um diese stressresistenter und leistungsfähiger zu machen statt die Ursachen für den Stress zu beseitigen.

Aus spiritueller Sicht ist das ein großes Missverständnis, denn Achtsamkeit bedeutet viel mehr. Daher werde ich die Achtsamkeit aus drei unterschiedlichen Sichtweisen betrachten:

  • der säkulären Sichtweise, also so, wie sie in der modernen westlichen Welt verstanden und vermittelt wird,
  • aus der Sichtweise des Buddhismus, in dem die Achtsamkeit ihren Ursprung hat und
  • aus rein wissenschaftlicher Sichtweise.

Achtsamkeit aus säkulärer Sichtweise

Porträt von Jon Kabat-Zinn

Jon Kabat-Zinn | Quelle: https://www.umassmed.edu


In der westlichen Welt wurde die Achtsamkeitspraxis vor allem durch Jon Kabat-Zinn von der »University of Massachusetts Medical School« in Worcester bekannt. Dort gründete er 1979 die mittlerweile renommierte »Stress Reduction Clinic«. Hier begann er das Programm der »Mindfulness-based Stress Reduction« (MBSR) zu entwickeln und seine Auswirkungen in einer umfangreichen Begleitforschung zu untersuchen. Die »Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion« ist ein 8-wöchiges Programm zur Stressbewältigung durch gezielte Lenkung von Aufmerksamkeit mittels der Achtsamkeit. Teile des Programms werden inzwischen auch in verschiedenen Verhaltenstherapien eingesetzt, um mehr psychologische Flexibilität zu erreichen, mit zum Teil großem Erfolg, der durch wissenschaftliche Studien nachgewiesen ist. Dazu zählen u. a.:

  • »Akzeptanz- und Commitment-Therapie«, kurz ACT, nach Steven Hayes.
  • »Achtsamkeitsbasierte kognitive Verhaltenstherapie«, kurz MBCT, von Mark Williams , John Teasdale, Zindel V. Segal.
  • CFT (»Compassion Focused Therapy«), eine von Paul Gilbert begründete Psychotherapie, welche auf der Basis der evolutionären Psychologie in die kognitive Verhaltenstherapie Achtsamkeitstechniken aus dem Buddhismus, mit dem Schwerpunkt (Selbst-) Mitgefühl integriert.
  • »Dialektisch-Behaviorale Therapie«, kurz DBT, von der amerikanischen Psychologin Marsha M. Linehan.

Kabat-Zinn ist auch Gründer und ehemaliger Geschäftsführer des 1995 etablierten »Center for Mindfulness in Medicine, Health Care and Society« (CFM – Zentrum für Achtsamkeit in Medizin, Gesundheitswesen und Gesellschaft) an der »University of Massachusetts Medical School«.

Üben, aber mit der richtigen Grundhaltung

Achtsamkeit kann jeder lernen und es gibt mittlerweile zahlreiche Achtsamkeitskurse, Meditationskurse, Retreats etc.. Es ist eine reine Übungssache, je mehr Du Dich darin übst, umso besser kannst Du die Achtsamkeit anwenden. Ein Therapeut sagte ein Mal zu mir, »die Achtsamkeit sei wie ein Muskel, den man ständig trainieren müsse.«

Allerdings ist es nicht ratsam wie ein »Besessener« zu üben, da dies eher zu Frustration führt. Eine kleine Anekdote verdeutlicht das:

Ein buddhistischer Schüler spricht mit seinem Meister:
Schüler: »Meister, Meister, wie lange brauche ich bis zur Erleuchtung?«
Meister: »Nun, vielleicht 20 Jahre.«
Schüler: »Und wenn ich mich wirklich sehr anstrenge?«
Meister: »Dann 40 Jahre.«

» Die Grundhaltung der Achtsamkeit ist sanft, akzeptierend und nährend. «Jon Kabat-Zinn

Das 8 Wochen MBSR-Programm

Das soll nur eine kurze Übersicht zum Konzept der Achtsamkeitspraxis sein. Wer mehr darüber wissen und das 8-wöchige MBSR-Programm ausprobieren möchte, dem kann ich folgende Bücher empfehlen:

Seminare, Kurse und Retreats lassen sich am besten über die folgenden Websites finden:

Achtsamkeit in der Praxis

Über Achtsamkeit kann man viel schreiben, jetzt wird es Zeit Achtsamkeit praktisch zu erfahren. Die folgende Übung ist aus dem bereits angesprochenen Buch »Meditation im Alltag« von Mark Williams und Danny Penman:

Genuss pur: Sortiment von Schokoladen Pralines

Die Schokoladenmeditation

Wählen Sie eine Schokoladensorte, die Sie entweder noch nicht kennen oder seit Längerem nicht gegessen haben. Sie können eine dunkle und geschmacksintensive Variante aus biologischem Anbau und fairem Handel nehmen oder welche auch immer Sie wollen. Das Einzige, worauf es ankommt, ist, dass Sie sie normalerweise nicht oder nur selten essen. Und hier kommt die Anleitung:

  • Öffnen Sie die Verpackung. Inhalieren Sie den Duft. Lassen Sie sich davon überwältigen.
  • Brechen Sie ein Stück ab und betrachten Sie es. Vertiefen Sie sich in den Anblick, schauen Sie sich genau an, wie es aussieht, sehen Sie sich jede Rille und jedes kleine Eckchen an.
  • Legen Sie sich das Stück Schokolade auf die Zunge. Schauen Sie, ob Sie es schaffen, es einfach da liegen und schmelzen zu lassen. Achten Sie auf den Impuls, daran zu saugen. Schokolade enthält über 300 verschiedene Aromen. Schmecken Sie einige davon heraus?
  • Wenn Sie merken, wie Ihre Gedanken während dieser Übung auf Wanderschaft gehen, nehmen Sie einfach zur Kenntnis, wohin Sie abgeschweift sind, und geleiten Sie sie dann behutsam in die Gegenwart zurück.
  • Wenn die Schokolade komplett geschmolzen ist, schlucken Sie sie ganz langsam und bewusst. Lassen Sie sie allmählich die Speiseröhre hinunterlaufen.
  • Wiederholen Sie das Ganze mit einem weiteren Stück.

Wie fühlen Sie sich? Ist es anders gewesen als sonst? Hat Ihnen die Schokolade besser geschmeckt, als hätten Sie sie – wie Sie es normalerweise vielleicht tun – einfach hinuntergeschlungen?

Quelle: »Meditation im Alltag« von Mark Williams und Danny Penman
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Was Achtsamkeit nicht ist?

Viele werden den Zugang zur Achtsamkeit über einen MBSR-Kurs finden. Ein verantwortungsbewusster Coach wird die Teilnehmer auch darauf hinweisen, was Achtsamkeit nicht ist und die Achtsamkeit im buddhistischen Kontext vermitteln, denn

  • Achtsamkeit ist keine Entspannungstechnik.*
  • Achtsamkeit ist keine Religion.*
  • Achtsamkeit ist keine Technik, mit der wir unserem gewöhnlichen Alltag entfliehen.*
  • Achtsamkeit bedeutet nicht den Geist »leer« zu machen.*
  • Achtsamkeit ist nicht schwierig.*
  • Achtsamkeit bedeutet nicht, dem Schmerz zu entkommen.*
  • Achtsamkeit ist keine Methode zur Selbstoptimierung.
  • Achtsamkeit ist kein Instrument zur Erzeugung von positiven Gefühlen.
  • Achtsamkeit ist kein Mittel, um Mitarbeiter stressresistenter und leistungsfähiger zu machen.

Mit * gekennzeichnet: Quelle: »Der achtsame Weg zur Selbstliebe« von Christopher Germer

Jon Kabat-Zinn selbst sagt,

dass man diese Praxis nur vermitteln kann, wenn man sie lebt. Wer es macht, um Geld oder Anerkennung zu bekommen, wird früher oder später in einer Sackgasse landen. Überall dort, wo sie authentisch und kompetent vermittelt wird, wird sie auch ihre heilsame Wirkung entfalten.

Mind full or Mindful?

Cartoon Mind Full or Mindful?

Mindful | © by dee & tula monstah

Achtsamkeit aus buddhistischer Sichtweise

Vielleicht liegen diese irrtümlichen Erwartungen an die Achtsamkeitspraxis auch schlicht darin, dass der Begriff »Achtsamkeit« in unserer Sprache relativ neu ist. Erst die Mindfulness-Bewegung hat diesen Begriff in unsere Gesellschaft und somit in unser Bewusstsein transportiert, so dass er immer gebräuchlicher wird. Zuvor sprachen wir eher von Aufmerksamkeit, im Sinne von Konzentration. Dabei könnte es schon helfen statt von Achtsamkeit von »Achtsam sein« zu sprechen. Dann würden wir uns auch daran erinnern, dass Achtsamkeit auch »auf sich achten«, »aufeinander achten« oder »fürsorglich sein« bedeuten kann. Die Schriftstellerin und Meditationslehrerin Margit Irgang schreibt:

Leider sprechen wir meist mehr von »Achtsamkeit« als vom »Achtsam sein«. Wie alle Substantive suggeriert uns »Achtsamkeit«, dass es etwas Konkretes bezeichnet, das wir haben, besitzen oder benutzen können.

Daher verweist sie auf die Bedeutungsvielfalt des Begriffs »sati« im Pali-Kanon (»Pâli« ist die Sprache, in der die Worte des Buddha 400 Jahre nach seinem Tod niedergeschrieben wurden). Dort steht:

»Eingedenksein«, »Besinnung«, »Sich ins Gedächtnis zurückrufen«, »Erinnerung«, »Im Gedächtnis bewahren«, »Gründlichkeit«, »Nichtvergesslichkeit«, »Achtsamkeit«, »Achtsamkeit als Fähigkeit, als Kraft, als rechte Besinnung«, »Rechte Achtsamkeit«.

Im Buddhismus spricht man daher gewöhnlich von »rechter Achtsamkeit«.

Was bedeutet rechte Achtsamkeit?

Leitfaden der Lehren Buddhas ist der sogenannte »Edle Achtfache Pfad«, der bestimmte ethische Grundsätze vorgibt, an denen wir unser Denken und Handeln ausrichten können.

»Rechte Achtsamkeit« ist das siebte Glied dieses Pfades und bedeutet durch nach innen und nach außen gerichtete Aufmerksamkeit zu erkennen, was gerade geschieht, was ich tue, was in mir vorgeht. Nach »außen gerichtete Aufmerksamkeit« bedeutet das Fokussieren auf ein bestimmtes Objekt, wie dem Atem. Dagegen versteht man unter nach »innen gerichtete Aufmerksamkeit« (auch freischwebendes Gewahrsein) den achtsamen Blick auf unsere Gedanken und Gefühle.

Das wahre Ziel von Achtsamkeitspraxis ist es durch »zielgerichteter Aufmerksamkeit« und »freischwebenden Gewahrsein« bewertungsfrei alles wahrzunehmen, was gerade geschieht. Die Betonung liegt auf alles, gleich ob es uns positiv oder negativ erscheint, gleich ob es sich gut oder schlecht anfühlt.

Die anderen sieben Glieder des achtfachen Pfades sind:

  • Rechte Sichtweise: Die Einsicht, dass ich nicht alleine und von allein in der Welt bin und dass mein Verhalten, sei es gut oder schlecht, Folgen hat.
  • Rechte Absicht/rechter Entschluss: Der Entschluss, in dieser Welt, in der ich lebe und der ich mein Leben verdanke, wenn es geht, Positives zu bewirken, aber zumindest möglichst wenig Unheil anzurichten.
  • Rechte Rede: Mit der man weder sich selbst noch andere verletzt, Vermeiden von Lügen, Verleumden, Grobheit.
  • Rechtes Handeln: Vermeiden von Gewalt, Töten, Diebstahl, Abstandnehmen von unangemessenem sexuellem Verhalten.
  • Rechter Lebenserwerb: Ohne Betrügereien, nicht von Gier getrieben.
  • Rechtes Bemühen: Bemühen, das Richtige zu tun und das Falsche zu vermeiden.
  • Rechte Konzentration: Die Fähigkeit, den Geist auf einen Punkt oder eine Gegebenheit zu konzentrieren und dabeizubleiben.

Der indische Begriff, der hier für »recht« wiedergegeben wird heißt auch: »verbunden«, »gemeinsam«, »einander zugewandt«, »würdigend«, »vollständig«, »ganz«, »zusammengehörig«. Und von daher eben auch: »richtig«, »auf die rechte Weise«.

Damit wird deutlich, dass alle acht Glieder dieses Weges untrennbar miteinander verbunden sind.

Wenn man Achtsamkeit auf die »rechte« also richtige bzw. wahre Weise praktiziert, dann wird einem klar, dass es sich bei dieser Praxis um sehr viel mehr handelt, als eine bloße Technik zur Entspannung oder zur Erzeugung von positiven Gefühlen und auch nicht um ein Instrument zur Selbstoptimierung oder Optimierung von wirtschaftlichen Prozessen.

Das wir die Achtsamkeitspraxis dennoch so verwenden (und teilweise missbrauchen), zeigt ein Mal mehr die natürlichen menschlichen Verhaltensweisen und gerade ich als Meditationsanfänger kann diese Erwartungen bzgl. der Achtsamkeitspraxis gut verstehen, hatte ich doch auch gehofft, mich dadurch besser zu fühlen.

Diese Praxis kann dazu führen, entspannter, gelassener und glücklicher zu werden. Das Problem ist, wir dürfen es nicht erwarten und auch nicht mit diesem Ziel praktizieren, denn dann wäre Achtsamkeit nur eine weitere Kontrollstrategie, um z. B. schlechte Gefühle zu vermeiden. Es ist nicht das Ziel durch Achtsamkeit entspannter zu werden, effektiver zu arbeiten oder sich besser zu fühlen. Das sind positive Nebeneffekte, die auftreten können.

Versteht man rechte Achtsamkeit im Kontext des achtfachen Pfades geht es tatsächlich um Einsicht, wer ich bin, was ich tue, warum ich es tue und welche Konsequenzen meine Verhaltensweisen für andere Lebewesen haben. Der Mönch Thich Nhat Hanh sagt:

Auf rechte Weise praktizierte Achtsamkeit führt zu Einsicht, und Einsicht ist nicht immer angenehm.

Achtsamkeit führt zu Einsicht

Wer achtsam seinen Körper wahrnimmt, um zu entspannen, der wird neben Entspannung früher oder später auch Anspannung, unangenehme Empfindungen und Schmerzen wahrnehmen.

Achtsamkeit ist auch kein Instrument, um positive Gefühle zu erzeugen. Es können positive Gefühle auftauchen, aber eben auch alle anderen Gefühle, wie Wut, Angst und Traurigkeit, die das Menschsein uns beschert. Mein Therapeut sagte mal zu mir:

Bei der Achtsamkeit geht es nicht darum sich besser zu fühlen sondern besser im fühlen zu werden.

Die Achtsamkeit zeigt uns aber nicht nur, was wir wahrnehmen sondern auch einen Weg auf heilsamere, freundlichere Weise damit umgehen zu lernen. Nicht an Gedanken, Gefühlen und Empfindungen festzuhalten sondern sie bewusst wahrzunehmen und wieder loszulassen, gleich ob ich es als angenehm oder unangenehm empfinde.

So wird uns auch unser Handeln bzw. Nicht-Handeln bewusst und welche Konsequenzen dies für uns und für Andere haben kann.

So wird ein Manager eines Unternehmens, der »rechte Achtsamkeit« praktiziert, vielleicht darauf aufmerksam werden, dass er von Gier getrieben ist und sich bewusst werden, wie er anderen Menschen durch sein Handeln schadet. Ein Mitarbeiter, der einen anderen Mitarbeiter mobbt, wird vielleicht erkennen können, dass er aus Neid oder Eifersucht handelt und wie er dem Anderen damit Schaden zufügt. Und ein Soldat, der in Achtsamkeit geschult wird, um besser töten zu können, wird vielleicht erkennen, dass Menschen zu töten nicht seiner Natur entspricht.

Interessant ist auch, dass im asiatisch-sprachigen Raum das Wort für »Geist« und »Herz« ein und dasselbe ist. Du siehst, der Begriff »Achtsamkeit« beschreibt nicht annähernd die wahre Bedeutung von »Achtsamsein«, von »rechter Achtsamkeit«.

»Rechte Achtsamkeit« und Mitgefühl sind untrennbar miteinander verbunden. Das liegt in der Natur der Achtsamkeit (als Bestandteil des »achtfachen Pfades«). Daher läßt sich diese Meditationspraxis auch nur schwer für unheilsame Absichten instrumentalisieren.

So gesehen hat die Achtsamkeit das Potenzial einzelne Menschen zu Einsicht zu bringen, aber auch die ganze westliche Gesellschaft zu wandeln, die immer mehr von Egoismen des kapitalistischen Wachstumssystems geprägt ist. Eine Gesellschaft in der Mitgefühl, Respekt, Toleranz und Gemeinschaft zunehmend verloren gehen.

Buchempfehlungen:

Einen achtsamen Umgang mit der Achtsamkeit kultivieren

Wer durch diese Praxis ruhiger, entspannter und gelassener werden will, dem wird das bestimmt auch gelingen, ob Einsteiger auch das wahre Potenzial und den tieferen Sinn dieser Meditation für sich erfahren wollen, das hängt auch davon ab, wie authentisch die Praxis vermittelt wird. Jon Kabat Zinn, einer der Begründer der »Mindfulness-Bewegung« sagt gerne, dass man diese Praxis nur vermitteln kann, wenn man sie lebt. Wer es macht, um Geld oder Anerkennung zu bekommen, wird früher oder später in einer Sackgasse landen. Überall dort, wo sie authentisch und kompetent vermittelt wird, wird sie auch ihre heilsame Wirkung entfalten. Die Neurowissenschaftlerin und Psychologin Britta Hölzel sagte in einem Interview mit der Zeitschrift »Buddhismus aktuell«:

Viele erleben vielleicht einen Einstieg über den Versuch, Schwierigkeiten »wegzumeditieren«, kommen dadurch aber auf einen umfassenderen Weg.

Achtsamkeit aus wissenschaftlicher Sichtweise

Der folgende Auszug ist auch aus dem bereits angesprochenen Buch »Meditation im Alltag« von Mark Williams und Danny Penman und betrachtet die Achtsamkeitspraxis aus wissenschaftlicher Sicht:

Meditation und Depression:

Studien haben bewiesen, dass das von Mark Williams und Kollegen entwickelte und in diesem Buch vorgestellte 8-Wochen-Programm in »achtsamkeitsbasierter kognitiver Therapie« (MBCT) das Risiko, an einer Depression zu erkranken, signifikant reduziert.

Bei Patienten, die bereits drei oder mehr Depressionsschübe erlebt haben, geht die Gefahr eines Rückfalls sogar um 40 bis 50 Prozent zurück.1 Damit wurde erstmals gezeigt, dass eine in symptomfreien Zeiten erfolgende psychologische Behandlung gegen Depressionen einem Rückfall tatsächlich vorbeugen kann.

ln ihren Empfehlungen zur Behandlung von Depressionen empfiehlt das britische »National Institute for Health and Clinical Excellence« (NI CE) mittlerweile MBCT für Patienten, die bereits drei oder mehr Depressionsschübe erlitten haben. Auch die Arbeiten von Maura Kenny in Adelaide und Stuart Eisendrath in San Francisco deuten darauf hin, dass MBCT eine effiziente Strategie für Patienten sein kann, die auf andere Behandlungen wie Antidepressiva oder kognitive Therapieformen nicht ansprechen.2

Meditation contra Antidepressiva:

Wir werden oft gefragt, ob die Schulung der Achtsamkeit parallel zur Einnahme von Antidepressiva erfolgen oder diese ersetzen kann. Die Antwort auf beide Fragen lautet Ja. Studien in Professor Kees van Heeringens Klinik im belgischen Gent zeigen, dass Patienten noch während der medikamentösen Behandlung mit der Schulung der Achtsamkeit beginnen können. Es wurde festgestellt, dass Achtsamkeit die Rückfallhäufigkeit von 68 auf 30 Prozent sinken ließ, obwohl die Probanden mehrheitlich (etwa gleich viele in der MBCT- und der Kontrollgruppe) Antidepressiva einnahmen.3

Im Hinblick auf die Frage, ob Meditation eine Alternative zur medikamentösen Behandlung sein kann, lieferten Willem Kuyken und Kollegen in Exeter sowie Zindel Segal und Kollegen in Toronto den Beweis, dass Patienten, die die Antidepressiva abgesetzt und stattdessen einen 8-Wochen-Kurs in MBCT absolviert hatten, sich genauso gut oder besser entwickelten als diejenigen, die die Medikamente weiternahmen.

Quelle: »Meditation im Alltag« von Mark Williams und Danny Penman

Fussnoten: 1. Ma, J., und Teasdale, J.D. (2004), »Mindfulness-based cognitive therapy for depression: Replication and exploration of differential relapse prevention effects«, Journal of Consulting and Clinical Psychology, 72, S. 31–40.
2. Kenny, M.A., und Williams, J.M.G. (2007), »Treatment-resistant depressed patients show a good response to Mindfulness-Based Cognitive Therapy« Behaviour Research and Therapy, 45, S. 617–665; Eisendrath, S.J. Delucchi, K., Bitner, R., Fenimore, P., Smit, M., und McLane, M. (2008), »Mindfulness-Based Cognitive Therapy for Treatment-Resistant Depression: A Pilot Study«, Psychotherapy and Psychosomatics, 77, S. 319–320; Kingston, T., et al. (2007), »Mindfulness-based cognitive therapy for residual depressive symptoms«, Psychology and Psychotherapy, 80, S. 193–203.
3. Godfrin, K., und van Heeringen, C. (2010), »The effects of mindfulness-based cognitive therapy on recurrence of depressive episodes, mental health and quality of life: a randomized controlled study«, Behaviour Research and Therapy, DOI: 10.1016/j.brat.2010.04.006.

Stehen und schauen

Im Folgenden ein sehr schönes Gedicht des Schriftstellers William Henry Davies (1871–1940), der die Achtsamkeit in poetische Worte fasst:

Muße

von William Henry Davies

Was ist dieses Leben, wenn wir nur an Sorgen kau’n
und keine Zeit bleibt, um zu stehen und zu schau’n.

Keine Zeit, um uns einmal auszuruh’n
und so lange zu schau’n, wie Schafe es tun.

Keine Zeit, um beim Gang durch den Wald zu merken,
wo die Eichhörnchen ihre Nüsse im Gras verbergen.

Keine Zeit, um im hellen Tageslicht zu seh’n,
wie Bäche glitzernd durch die Wiesen geh’n.

Keine Zeit, um uns umzudreh’n nach einer Schönheit Blick
und ihre Füße wirbeln zu seh’n in des Tanzes Glück.

Keine Zeit, um zu warten, bis ihr Mund sich gesellt
zu dem Lächeln, das schon ihre Augen erhellt.

Welch ein armseliges Leben, so an Sorgen zu kau’n
ohne Zeit, einfach zu stehen und zu schau’n.

Als Nächstes widme ich mich einem der schwierigsten Punkte des A-B-S-Konzeptes, dem Beharrlich sein.

Weiterlesen »

1. Christopher Germer: »Der achtsame Weg zur Selbstliebe«, Kapitel 4, S. 107–108

Titelbild: © pongpunphoto | »beautiful flower Hibiscus rosasinensis« | shutterstock.com

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Das bin ich: Blogger, Webdesigner und Künstler. In diesem Blog schreibe ich über meine Erfahrungen mit der Heilkraft der buddhistischen Psychologie und dem Absetzen von Psychopharmaka. Ich gebe wertvolle Tipps und zeige einen erfolgreichen Weg aus der Psychopharmaka-Falle durch das A-B-S-Konzept.