Benzodiazepine

Dies soll nur eine kurze Übersicht zum Thema Benzodiazepine sein. Wer sich genauer darüber informieren möchte, dem empfehle ich die sehr informative Monografie von Professor Heather Ashton von der »Universität von Newcastle upon Tyne«, in England, das sogenannte »Ashton Manual«:

»Benzodiazepine: Wirkungsweise und therapeutischer Entzug – Ashton Handbuch«.

Die Publikation ist von 2002. Eine aktuelle Ergänzung (2012/2013) dazu liegt in englischer Sprache vor. Eine kürzere Zusammenfassung des »Ashton Manual« findest Du auf der Website des Antidepressiva Forum Deutschlands (ADFD).

Professor Ashton ist eine der führenden Expertinnen weltweit zum Thema Benzodiazepine und Benzodiazepinentzug. Sie hat von 1982–1994 eine Benzodiazepin-Entwöhnungs-/Entzugs-Klinik für Patienten geleitet und verschiedene detaillierte Entwöhnungsschemata entwickelt, um mögliche Entzugssymptome so gering wie möglich zu halten.

Was sind Benzodiazepine und wofür werden sie eingesetzt?

Benzodiazepine wurden 1960 auf dem Markt eingeführt. Ihre Wirkung ist angstlösend, schlaffördernd, muskelentspannend und krampflösend. Daher werden Sie häufig bei Angstzuständen, »Panikstörung«, verschiedenen Phobien oder spastischen Erkrankungen eingesetzt, aber auch als Prämedikation vor chirurgischen Operationen und zur Sedierung für kleine Operationen.1 Die bekanntesten Benzodiazepine sind Diazepam (frühere Bezeichnung: Valium) und Lorazepam (Handelsname: Tavor).

Bei bestimmungsgemäßem Gebrauch sind sie ein unverzichtbares Psychopharmaka in der Medizin, da sie sehr schnell wirken und gut verträglich sind.

Obwohl das hohe Abhängigkeitspotenzial von Benzodiazepinen bekannt ist, erfolgt noch immer ein Drittel2 aller Behandlungen nicht nach den Leitlinien. Diese empfehlen aufgrund der Gefahr der Abhängigkeit und der Toleranzentwicklung bei Langzeitanwendung von Benzodiazepinen, diese nicht länger als 8 Wochen, in bestimmten Fällen sogar nur 4 Wochen zu geben.3

Nebenwirkungen von Benzodiazepinen

Benzodiazepine haben zahlreiche Nebenwirkungen, die wichtigsten habe ich nachfolgend aufgeführt. Eine umfassende Beschreibung dieser Nebenwirkungen finden Sie auf der Website von Professor C Heather Ashton »Benzodiazepine: Wirkungsweise und therapeutischer Entzug.«

  • Übermäßige Sedierung:
    Benommenheit, Konzentrationsstörungen, mangelnde Koordination, Muskelschwäche, Vertigo (Schwindel) sowie Verwirrtheitszustände.
  • Medikamentöse Wechselwirkungen:
    Benzodiazepine haben additive Wirkungen in Verbindung mit zahlreichen anderen Substanzen, die ebenfalls sedierend oder hypnotisch wirken, mit einigen Antidepressiva (wie z.B. Amitriptylin, Doxepin), mit starken Tranquillisern oder »Neuroleptika«, mit Antikonvulsiva (wie z.B. Phenobarbital, Phenytoin, Carbamazepin), mit sedativ wirkenden Antihistaminika (wie z. B. Promethazin und Diphehydramin), mit Opiaten (wie z. B. Heroin, Morphin und Methadon) und vor allem mit Alkohol. Patienten, die Benzodiazepine einnehmen, sollten vor diesen Wechselwirkungen gewarnt werden. Werden sedierende Medikamente in Überdosis genommen, so besteht die Gefahr, dass Benzodiazepine deren Risiken in fataler Weise erhöhen.
  • Beeinträchtigung des Erinnerungsvermögens.
  • Paradoxe stimulierende Effekte:
    Erregungszustände mit erhöhter Angst, Schlaflosigkeit, Albträumen, Halluzinationen in der Einschlafphase, Irritabilität, hyperaktives oder aggressives Verhalten sowie das vermehrte Auftreten von Anfällen bei Epileptikern.
  • Depression:
    Menschen mit langdauerndem Benzodiazepin-Missbrauch, ähnlich wie Alkoholiker oder barbituratabhängige Menschen, leiden oft unter Depressionen, ein Phänomen, das als erstes während lang anhaltendem Benzodiazepin-Gebrauch auftreten kann. Benzodiazepine können sowohl Depressionen auslösen als auch verschlimmern … In manchen Fällen scheinen ihre Wirkungen auch Selbstmordgedanken auszulösen.
  • Emotionale Abstumpfung:
    Eine Betäubung der Gefühle, das heißt, die Unfähigkeit Freude oder Schmerz zu empfinden, ist ein häufiges Phänomen bei Menschen, die unter langdauernder Benzodiazepin-Behandlung stehen.
  • Nebenwirkungen bei älteren Menschen:
    Ältere Menschen reagieren wesentlich sensitiver als jüngere auf die das zentrale Nervensystem dämpfenden Benzodiazepine. So kann es vor allem bei älteren Menschen zu Verwirrung, Schlafwandeln, Amnesie, Ataxie (Gleichgewichtsstörungen), »hang-overs« und eine Art Pseudo-Demenz (gelegentlich als Alzheimer-Erkrankung missinterpretiert) kommen.
  • Nebenwirkungen während Schwangerschaft:
    Benzodiazepine durchdringen die Plazenta-Schranke und können, wenn sie während der Schwangerschaft vor allem in den letzten Monaten genommen werden, selbst in therapeutischen Dosen Komplikationen beim Neugeborenen verursachen.
  • Toleranzentwicklung:
    Toleranz (Gewöhnung) auf viele der Wirkungen von Benzodiazepinen entwickelt sich bei regelmäßigem Gebrauch; das heißt, die ursprüngliche Dosis verliert mehr und mehr ihre Wirkung und es ist demzufolge eine höhere Dosis notwendig, um den ursprünglichen Effekt zu erzielen.
  • Abhängigkeit:
    Benzodiazepine sind potenziell zu Abhängigkeit führende (addiktive) Substanzen: Psychologische und physische Abhängigkeit kann innerhalb weniger Wochen oder Monate regelmäßiger Einnahme von Benzodiazepinen entstehen. Dabei gibt es verschiedene überlappende Arten der Benzodiazepin-Abhängigkeit. Die angesprochene Toleranzentwicklung in Verbindung mit dem hohen Abhängigkeitspotenzial führen oft zur Langzeitabhängigkeit.

Quelle: http://www.benzo.org.uk/german/bzcha01.htm#9

Abhängigkeitspotenzial von Benzodiazepinen

Bereits 1961 wurde von Hollister vor dem Abhängigkeitspotenzial der Benzodiazepine gewarnt. Gerade bei der Langzeitanwendung können sich bestimmte Toleranzeffekte bzgl. der meisten Wirkungen von Benzodiazepinen einstellen, d. h. um die gewünschte Wirkung zu erreichen, muss die Dosis der Benzodiazepine immer weiter erhöht werden, der Körper gewöhnt sich rasch daran.

Je länger man abhängig ist, um so schwerer wird es aus diesem Teufelskreislauf wieder herauszukommen. Das liegt daran, dass es beim Absetzen oder Auslassversuch von Benzodiazepinen zu starken Entzugssymptomen kommen kann, die zum großen Teil den Symptomen der Grunderkrankung entsprechen, wegen derer sie ursprünglich verschrieben wurden.

Die Differenzialdiagnose »Entzugssymptome« findet von Ärzten oft keine Berücksichtigung und die Benzodiazepine werden weiter verschrieben.4

Bei der richtigen fachärztlichen und psychotherapeutischen Behandlung und Begleitung können Entzugssymptome jedoch oft auf ein Mindestmaß reduziert werden.

Falls Du Benzodiazepine einnimmst und überprüfen möchtest, wie es sich mit Deinem Konsum verhält, empfehle ich Dir den »Lippstädter Benzo-Check«der LWL Klinik Lippstadt/Warstein. Die Klinik bietet auch eine Medikamentensprechstunde zur Beratung an, die ich ebenfalls sehr empfehlen kann (aktuell scheint es diese nicht mehr zu geben, ich habe mehrfach nachgefragt, ohne eine Antwort zu bekommen). Auf der Website kannst Du auch verschiedene Publikationen im PDF-Format zur Information herunterladen. Ein Besuch der Seite lohnt sich.

Lippstädter Benzo-Check als PDF-Dokument zum Download

Hier kannst Du den »Lippstädter Benzo-Check« auch Online machen.

Bin ich bereit einen Entzug zu machen?

Aus eigener Erfahrung halte ich es für wichtig, dass Du Dich zunächst fragst, ob Du dazu bereit bist, einen Entzug zu machen bzw. wann der richtige Zeitpunkt dafür ist.

Wenn es möglich ist, lasse Dir damit Zeit und plane den Entzug sorgfältig.

Wenn Du Dich vielleicht schon mit dem ACT-Konzept vertraut gemacht hast, das ich hier vorgestellt habe, dann kannst Du damit anfangen, einen Bereitschafts- und Aktionsplan zu erstellen, um den Entzug zu planen. Das kann Dir helfen, mögliche Hindernisse aus zu machen und zu überlegen, wie Du damit umgehen kannst, sollten sie auftauchen.

Einen solchen Plan findest Du im Buch »Wer dem Glück hinterherrennt, läuft daran vorbei – Ein Umdenkbuch« von Russ Harris oder hier:

Als Vorlage kannst Du auch meinen Bereitschafts- und Aktionsplan des letzten Benzodiazepinentzuges benutzen.

Meine Motivation zum Entzug

Ich möchte kurz erklären, was mich dazu motiviert hat, einen erneuten Entzug nach meinem Rückfall zu machen. Nach meinem Rückfall war ich wesentlich länger abhängig ca. ein dreiviertel Jahr. Dadurch hat sich bei mir der Toleranzeffekt eingestellt, d. h. ich musste eine immer höhere Dosis von Diazepam einnehmen, um überhaupt noch eine Wirkung zu erzielen.

Irgendwann hatte es fast keine Wirkung mehr und nur noch die oben beschriebenen extremen Nebenwirkungen. Außerdem merkte ich, dass trotz der erneuten Einnahme von Benzodiazepinen, die Entzugssymptome, die nach dem ersten traumatischen Entzug in der Psychiatrie aufgetreten waren, nicht weggingen. Dies erklärt sich ebenfalls durch den Toleranzeffekt. Außerdem war mein Leben sehr eingeschränkt, ich konnte kein Auto mehr fahren und das Haus wegen ständiger Panikattacken nur noch selten verlassen.

Mit Hilfe des angesprochenen Bereitschafts- und Aktionsplans habe ich den Entzug geplant. Mehrere Versuche den Entzug erneut in einer Klinik stationär zu machen sind gescheitert. Ich habe es wegen großer Panik und der Erinnerung an den traumatischen ersten Entzug in der Psychiatrie gar nicht geschafft, dort anzukommen. Es hat mir aber trotz aller Rückfälle sehr geholfen, mich immer wieder mit meinen Werten zu verbinden und mir so bewusst zu machen, wozu ich einen erneuten Entzug machen wollte:

Meinem Körper keinen weiteren Schaden zuzufügen und achtsam und mitfühlend mit mir und meinem Körper umzugehen.

» Der Langsamste, der sein Ziel nur nicht aus den Augen verliert, geht immer noch geschwinder als der, der ohne Ziel herumirrt. «GOTTHOLD EPHRAIM LESSING

Ich habe den Entzug dann letztlich in einer psychiatrischen Tagesklinik teilstationär geschafft. Es kommt auch heute noch vor, dass ich in einem Notfall zu Diazepam greife. Dann haut es mich um. Ich schlafe ein und bekomme grausam-realistische Albträume, aus denen ich mich nur schwer befreien kann. Das erinnert mich dann wieder daran, es wirklich nur im Notfall zu nehmen.

Informiere Dich gründlich

Solltest Du in Erwägung ziehen einen Benzodiazepinentzug zu machen, ist es wichtig, sich vorher gründlich darüber zu informieren. So kannst Du selbst mitentscheiden, wann, wo und wie Du einen solchen Entzug machen möchtest. Da ich weder Arzt noch Psychotherapeut bin, bitte ich Dich vorher meinen Haftungsausschluss zu lesen.

Auf keinen Fall solltest Du Deine Medikamente abrupt absetzen!

Ein solcher Entzug kann ambulant durch einen Facharzt begleitet, teilstationär oder stationär durchgeführt werden. Hast Du einen psychiatrischen Facharzt, zu dem Du ein vertrauliches Verhältnis, ein stabiles soziales Umfeld und keine begleitenden psychischen Erkrankungen (Depressionen, Zwänge usw.) ist ein ambulanter Entzug in Erwägung zu ziehen.5 Der Vorteil dabei ist den Entzug an Deine Bedürfnisse individuell anzupassen und Dir Zeit dafür zu nehmen. In einer Klinik ist die Zeit dafür begrenzt, meist auf 4-6 Wochen. Daher wird der Entzug in den meisten Kliniken viel zu schnell gemacht.

Woran Du eine gute Klinik erkennst?

Solltest Du Dich für einen teilstationären oder stationären Entzug in einer Klinik entscheiden, informiere Dich vorab gründlich über verschiedene Kliniken und lasse Dich Dich in einem Vorgespräch ausführlich beraten. Eine gute Klinik erkennst Du an folgenden Kriterien:

  • Spezialisierte Station für Medikamentenabhängige:
    Die Klinik hat idealerweise eine spezialisierte Abteilung zur Behandlung von Medikamentenabhängigen. Mögliche vorhandene psychische Erkrankungen wie Ängste und Depressionen als Ursache für die Abhängigkeit werden berücksichtigt und mitbehandelt (Komorbität). Die einzige mir bekannte Fachklinik, die dieses Modell zur Zeit anbietet ist, die LWL Klinik Warstein . In anderen Kliniken werden Medikamentenabhängige oft zusammen mit Alkoholabhängigen behandelt. Es wäre aber wünschenswert, wenn mehr Kliniken auf das Konzept der LWL Kliniken setzen würden, da es große Unterschiede zwischen Alkoholikern und Medikamentenabhängigen gibt. Professor Ashton ist der Ansicht, dass sogar eigens spezialisierte Kliniken für Benzodiazepinabhängige geschaffen werden müssten.6
  • Man nimmt Dich ernst und zeigt Verständnis für Deine Notlage.
  • Aufklärung über die Entgiftung und den Entzug:
    Du wirst über die Art, Weise und Dauer des Entzuges sowie über mögliche Entzugssymptome und deren Behandlung umfassend informiert.
  • Der Entzug wird an Deine individuellen Bedürfnisse angepasst und durchgeführt:
    d. h. er wird so schonend wie möglich gestaltet, auch wenn es länger dauern sollte.
  • Umstellung auf ein Benzodiazepin mit längerer Halbwertszeit:
    Solltest Du Lorazepam (Tavor) oder ein anderes Benzodiazepin mit einer kurzen Halbwertszeit nehmen, wird man Dir anbieten dieses auf ein anderes Benzodiazepin mit einer längeren Halbwertszeit umzustellen, da so mögliche Entzugssymptome verringert werden können. Lass Dich auf keinen Fall auf einen reinen Lorazepamentzug ein.
  • Du wirst über mögliche Rückfallrisiken und deren Vorbeugung aufgeklärt.
  • Weiterbehandlung nach dem Entzug:
    Man sorgt für eine Weiterbehandlung nach dem Entzug durch eine Entwöhnungstherapie, z. B. in einer Rehaklinik.
  • Du hast ein gutes Gefühl und Vertrauen in die Klinik.

Was Du gegen Entzugssymptome tun kannst?

Hier ein paar Anregungen, was mir bei den Entzugssymptomen geholfen hat. Da wir alle verschieden sind und sich Entzugssymptome von Mensch zu Mensch unterschiedlich äußern, musst Du aber selbst herausfinden, was Dir hilft:

  • Pflanzliche Schlaf- und Beruhigungsmittel::
    Eine Studie prüfte den Einsatz einer pflanzlichen Dreierkombination aus Baldrianwurzel, Hopfenzapfen und Passionsblumenkraut wie es in dem Naturheilmittel »Kytta-Sedativum« enthalten ist, während und nach einer Benzodiazepin-Entzugsphase. Vor allem die Schlafqualität und Tagesbefindlichkeit besserten sich deutlich.
  • Ernährungsberatung und -umstellung:
    um mit den gastrointestinalen Entzugssymptomen (plötzliche Nahrungsunverträglichkeiten etc.) besser klarzukommen.
  • Regelmäßige Bewegung:
    Ausdauersport gegen die Depression und die Muskelanspannungen.
  • Akupunktur:
    Ich habe mich dadurch entspannter, ruhiger und ausgeglichener gefühlt.
  • »Training emotionaler Kompetenzen« (TEK):
    Hier habe ich gelernt zwischen Gedanken, Gefühlen und Körperempfindungen zu unterscheiden, was Gefühle sind, wie sie entstehen und welche Rolle die Gedanken und Körperempfindungen dabei spielen.
  • Achtsamkeitsmeditation:
    Das erlernen der Achtsamkeitspraxis , hat mir geholfen die meisten Entzugssymptome nicht mehr als Bedrohung zu empfinden und bewusster im »Hier und Jetzt« zu leben. Die kleinen Dinge zu genießen und aufmerksamer für die äußere und innere Welt zu sein.
  • Selbstmitgefühls-Meditation:
    Erlernen der »Mettâ-Meditation« , um mitfühlender und achtsamer mit mir und den Entzugssymptomen umzugehen (bei Traumapatienten nur in Begleitung eines erfahrenen Psychologen, einer erfahrenen Psychologin empfohlen).
  • Ambulante Psychotherapie:
    die mit Achtsamkeit und Selbstmitgefühl arbeitet, wie ACT oder MBCT, um Akzeptanzstrategien zu erlernen (Ausdehnung, Entschärfung, wertgeleitetes Verhalten) und mit den schwierigen Gedanken, Gefühlen und Empfindungen im Körper bewusster umzugehen.
  • Behandlung durch eine Heilpraktikerin:
    (Entgiftung, Stärkung des Immunsystems)

Aber selbst wenn Du Dich noch so gewissenhaft informiert und vorbereitet hast, musst Du mit Rückschlägen rechnen. Bitte werfe die Flinte deshalb nicht gleich ins Korn. Überlege stattdessen, warum es nicht geklappt hat und was Du beim nächsten Mal anders machen kannst. Ich hatte einige Rückschläge und ich habe stets etwas daraus gelernt, denn merke:

» Ein Rückschlag ist die Vorbereitung auf einen zukünftigen Erfolg. «Gilmore Girls (US-TV-Serie)

Ein Plädoyer für Betroffene

Als ich mich das erste Mal intensiver mit Benzodiazepinen, deren Abhängigkeitspotenzial und möglichen Entzugssymptomen auseinandersetzte, da bin ich auf die hervorragende Monografie von Professor Ashton gestoßen. Ich wünschte, ich hätte dies alles bereits vor dem ersten Entzug, der für mich so traumatisch verlaufen ist, gewusst, es wäre mir so einiges erspart geblieben.

Ich fand aber auch im Nachhinein wertvolle Informationen und Tipps und bin sehr dankbar, dass Professor Ashton diese Monografie geschrieben hat. Deshalb zum Abschluss ein Auszug aus dem Epilog dieser Monografie, der bestätigt, dass man noch viel mehr tun könnte, um Betroffenen zu helfen.

Epilog:

Wissensstand:

Sämtliche Ärzte, wie auch ihre Helfer, benötigen bessere Kenntnisse und Ausbildung im Hinblick auf die Verordnung von Benzodiazepinen (nur kurzfristige Verordnungen!), ihre Nebenwirkungen, ganz besonders dem Risiko der Abhängigkeitsentwicklung und über die Methoden des Entzugs/der Entwöhnung mit einer langsamen Dosis-Reduktion (ausschleichende Therapie) in Kombination mit adäquater psychologischer Unterstützung.

Diese Art von Ausbildung sollten auch Hausärzte, Psychiater, andere Spezialisten, Mitarbeiter in Entgiftungszentren, Pharmazeuten, Psychologen und andere Therapeuten erhalten. Eine generell erhöhte Aufmerksamkeit und Druck von der Öffentlichkeit sollten diese Maßnahmen beschleunigen.

Wissenschaftliche Untersuchungen:

Weitere wissenschaftliche Untersuchungen sind erforderlich, um die Wirkung längerdauernder Benzodiazepin-Einnahme zu erforschen. Besondere Aufmerksamkeit sollte dabei den Wirkungen auf Gehirnstrukturen mit Hilfe moderner bildgebender Verfahren in Kombination mit neuropsychologischen Untersuchungen gewidmet werden. Weitere Arbeiten sind auch erforderlich auf dem bisher nur wenig erforschten Gebiet der Auswirkung von Benzodiazepinen auf das endokrine, das gastroenterologische und Immunsystem.

Verfügbarkeit von Behandlungseinrichtungen:

Behandlungseinrichtungen spezialisiert auf den Entzug und der Entwöhnung von Benzodiazepin-abhängigen Patienten sollten eingerichtet (verfügbar gemacht) werden. Entgiftungseinheiten, vorwiegend für die Behandlung von Alkoholabhängigen und anderen Suchtpatienten sind nicht geeignet für Patienten, bei denen es in Folge einer medizinischen Verordnung von Benzodiazepinen zur Abhängigkeit gekommen ist. In diesen Einrichtungen werden üblicherweise die Suchtsubstanzen zu rasch und nach einem zu rigiden Schema entzogen, was für benzodiazepin-abhängige Patienten, die von unterschiedlichsten Entzugssymptomen gequält werden, nicht geeignet ist.

Es werden vielmehr spezialisierte Behandlungseinheiten benötigt, in denen ausschließlich Benzodiazepin-Entzug oder Entwöhnung in einer individualisierten, flexiblen, verständnisvollen und den Patienten wirklich unterstützenden Art und Weise betrieben wird. Gegenwärtig gibt es nur zu wenige derartige Einheiten, in denen tapfer versucht wird, diese Aufgabe mit minimaler finanzieller Ausstattung zu bewältigen. Eine angemessene Finanzierung würde es auch möglich machen, Patienten intermittierend in besonders kritischen Phasen in einem entsprechenden Umfeld zu behandeln.

Es ist ohne Zweifel geradezu eine Tragödie, dass im 21. Jahrhundert Millionen von Menschen weltweit unter den Nebenwirkungen von Benzodiazepinen leiden. Im Grunde sollte mehr als 50 Jahre nachdem Benzodiazepine in die medizinische Praxis eingeführt wurden, keine Notwendigkeit mehr für eine derartige Monografie wie diese bestehen. Ich hoffe jedoch, dass die Beschreibung meiner Erfahrungen an vielen Patienten dazu beiträgt, die Aufmerksamkeit innerhalb der medizinischen Profession und in der Öffentlichkeit auf die Probleme zu lenken, die mit einer Langzeit-Verabreichung von Benzodiazepinen und einer entsprechenden Entzugs-/Entwöhnungstherapie zusammenhängen.

Quelle: Professor C Heather Ashton DM, FRCP: Benzodiazepine: Wirkungsweise und therapeutischer Entzug

Persönliches Fazit

Ein Entzug ist möglich und wenn man sich die ganzen Nebenwirkungen von Benzodiazepinen anschaut, und das damit verbundene Leid sich vor Augen führt, auch ratsam. Dennoch muss natürlich jeder selbst entscheiden. Ich möchte Dich aber ermutigen es in Erwägung zu ziehen, denn langfristig gesehen, wirst Du dadurch mehr an Lebensqualität gewinnen.

Das ist eine große Herausforderung und braucht Mut und Geduld sowie die richtige fachliche Begleitung. Mit dem hier vorgestellten Konzept aus Achtsamkeit, Beharrlichkeit und Selbstmitgefühl hoffe ich, Dir einen von verschiedenen möglichen Wegen aufzeigen zu können.

Jeder, der diesen Entzug dauerhaft geschafft hat, der kann wirklich sehr stolz auf sich sein und hat meinen höchsten Respekt, denn er hat etwas Großartiges geleistet.

Manche Menschen werden am Ende Ihres Lebens sagen

»Ich habe den Iron-Man geschafft!« oder
»Ich habe den Jakobsweg zu Fuß geschafft!«< »Ich habe den Mount Everest bestiegen!«

und Du wirst sagen:

»Ich habe einen Benzodiazepin-Entzug geschafft!«

Meiner Meinung nach steht ein Psychopharmaka-Entzug den ersten drei Lebensleistungen in nichts nach, ein Psychopharmaka-Entzug kann zu den schlimmsten Dingen gehören, die ein Mensch in seinem Leben je zu bewältigen hat!

» Viele, die im Leben versagt haben, sind Menschen, die nicht erkannt haben, wie nah sie dem Erfolg waren, als sie aufgaben. «Thomas Edison

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Titelbild: © pongpunphoto | »beautiful flower Hibiscus rosasinensis« | shutterstock.com

Veröffentlicht von

Mein Name ist Markus Hüfner. Ich bin Blogger, Webdesigner und kreativer Querdenker. In diesem Blog schreibe ich über die Heilkraft der buddhistischen Psychologie. Ich gebe wertvolle Tipps über das Absetzen von Benzodiazepinen und zeige einen erfolgreichen Weg aus der Benzo-Falle durch das A.B.S.-Konzept »