Vorschau Youtube-Beitrag »Antidepressiva - Ja oder Nein?«Quelle: maiLab - Mai Thi Nguyen-Kim

Kritik zum Beitrag »Antidepressiva – ja oder nein?« von maiLab

Die Wissenschaftlerin Mai Thi Nguyen-Kim, bekannt aus der TV-Sendung Quarks des WDR, hat auf ihrem Youtube-Kanal maiLab sich mit der Wirksamkeit von Antidepressiva auseinandergesetzt. Leider wurde dabei nicht auf die Absetzproblematik von Antidepressiva und Akathisie, als gefährlichste Nebenwirkung hingewiesen. Daher habe ich sie angeschrieben und gebeten darüber einen Beitrag zu produzieren.

Liebe Thi Nguyen-Kim,

ich bin Mitglied der DGSP (Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie). Ich habe Deinen Beitrag Antidepressiva – ja oder nein? auf youtube angesehen, herzlichen Dank für den kritischen Blick auf die Wirksamkeit von Antidepressiva.

Leider wurde die große Problematik des Absetzens von Antidepressiva gar nicht erwähnt. Ich halte dies für sehr wichtig, da es immer mehr Betroffene gibt, die insbesondere nach Langzeiteinnahme (länger als ein halbes Jahr) ihr Antidepressiva nur sehr schwer und über einen sehr langen Zeitraum (bis zu mehreren Monaten oder Jahren) und nur unter sehr schweren Entzugssymptomen, die schlimmer sind als die Depression selbst, oder häufig sogar gar nicht mehr absetzen können. Hierzu gibt es sogar eine eigene Indikation, das »SSRI-Absetzsyndrom«. Nicht wenige nehmen sich sogar das Leben.

Eine neue Übersichtsstudie aus dem Jahr 2018 zeigt, dass die Häufigkeit, Dauer und Schwere von Antidepressivaentzugssymptomen bisher deutlich unterschätzt wurde und die bisherigen Behandlungsleitlinien nicht ausreichend sind. Die Studie konnte zeigen, dass

  • Entzugssymptome beim Reduzieren und Absetzen von Antidepressiva durchschnittlich bei 56 % der Patienten auftreten;
  • bei 46 % davon sind die Symptome schwerwiegend.
  • Je länger die Einnahme dauert, desto wahrscheinlicher treten Entzugssymptome auf.

A systematic review into the incidence, severity and duration of antidepressant withdrawal effects: Are guidelines evidence-based?

In der Ausgabe 12/2019 der Fachzeitschrift NeuroTransmitter des BVDN (Berufsverband deutscher Nervenärzte) ist dazu ein Artikel erschienen (siehe Anhang). Bitte sieh Dir die Studie an und lese den Artikel. Ich selbst bin davon Betroffen, versuche seit 7 Jahren Paroxetin ( »SSRI-Antidepressiva«) abzusetzen, selbst mit langsamen Ausschleichen hatte ich bisher keinen Erfolg und leider bin ich damit nicht allein, wie ein Blick in das ADFD (Antidepressiva-Forum-Deutschland) , ein Forum von Betroffenen für Betroffene zeigt. Ich betreibe außerdem eine Website, auf der ich über meine Erfahrungen mit Psychopharmaka berichte und über deren Risiken und Nebenwirkungen, Abhängigkeitspotenzial und Wirkung aufkläre.

Die DGSP hat dazu ein wichtiges Positionspapier »Annahmen und Fakten: Antidepressiva« publiziert. Bitte lies auch dies. Auf der Website des Landesnetzwerks Selbsthilfe seelische Gesundheit e.V. (NetzG-RLP e.V.) lässt sich ein Aufklärungsbogen zu Antidepressiva in normaler und leichter Sprache abrufen. Ich halte diesen Aufklärungsbogen für sehr wichtig, da Patienten bei Neuverschreibung eines Antidepressivum meist gar nicht oder nicht ausreichend über die Risiken und Nebenwirkungen von Antidepressiva aufgeklärt werden, auch das ist ein Ergebnis dieser Studie.

Antidepressiva werden leichtfertig und zu häufig verschrieben.

Aufklärungsbogen Antidepressiva

Auch die wichtigste Nebenwirkung Akathisie wurde im Beitrag nicht erwähnt, die besonders schlimm ist und häufig für Suizidversuche und Suizide bzw. Gewalttaten verantwortlich ist. Bereits 2004 warnte die FDA (Food and Drug Administration – US-Gesundheitsbehörde, die auch für die Zulassung neuer Medikamente zuständig ist) davor, dass SSRI-Antidepressiva Angst, Erregungszustände, Panikattacken, Schlaflosigkeit, Gereiztheit, Feindseligkeit, Impulsivität, Akathisie (starke Ruhelosigkeit), Hypomanie (abnormale Aufgeregtheit) und Manie (Psychose, charakterisiert durch übersteigerte Gefühle, Größenwahn) verursachen können. Ich habe dies bei einem Entzugsversuch selbst erlebt, ich würde das eine extreme Persönlichkeitsveränderung nennen, die Annahme, das Antidepressiva die Persönlichkeit nicht verändern ist falsch. (Quelle: http://antidepressantsfacts.com/2004-03-22-FDA-SSRI-warning.htm)

Etwa 5% aller Patienten, die SSRI-Antidepressiva einnehmen leiden unter Akathisie. MISSD hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Öffentlichkeit auf Akathisie als lebensgefährliche Nebenwirkung von SSRI-Antidepressiva aufmerksam zu machen und vor den Gefahren zu warnen, damit es nicht noch mehr sinnlose Todesfälle durch Akathisie gibt. Dazu hier das kurze Video von MISSD über Akathisie.

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=x86aCDtvbT0 | Sprache: Englisch | Länge: 1:46 Minuten.

Über all das sollte eigentlich die von Dir genannte und als Referenz verwendete »Stiftung Deutsche Depressionshilfe« umfänglich aufklären, zumindest sollte man das von einer Organisation erwarten, die für sich selbst in Anspruch nimmt die Interessen ALLER Menschen mit Depressionen gegenüber der Politik und der Öffentlichkeit zu vertreten, was sie faktisch nicht tut, da sie uns Betroffene ignoriert und unser Leid leugnet. Wir existieren nicht, unsere Meinung ist unerwünscht, Kommentare von uns auf der Facebookseite der Stiftung werden gelöscht, Profile gesperrt. Als es dort immer mehr negative Bewertungen durch Betroffene gab, die alle gut begründet waren, weil sie auf deren persönlicher Erfahrung beruhten, beklagte sich die Stiftung zunächst darüber, dass man nicht fair bewertet würde und entfernte dann die Bewertungsfunktion komplett, damit wurden alle Bewertungen, auch die positiven gelöscht. Ich habe die Stiftung damit konfrontiert, denn all dies ist kein Wunder, wenn man weiß, dass der 1. Vorsitzende und Begründer der Stiftung Ulrich Hegerl nachweislich Zahlungen für Beratung und Vorträge für Pharmaunternehmen erhält, auch wenn nur ein Vorgang von correctiv öffentlich gemacht werden konnte, stellt sich die Frage:

Wie viele wurden nicht öffentlich gemacht?

Die Stiftung hat nicht den Aufklärungsbogen Antidepressiva publiziert, auch nicht unser Positionspapier. Sie erwähnt nicht mal die Nebenwirkungen auf ihrer Website oder in ihren Publikationen, obwohl sie gleichzeitig Antidepressiva zur Behandlung empfiehlt.

Daher finde ich es fragwürdig, diese Stiftung, die in ihrer Satzung zwar behauptet pharmaunabhängig zu sein, dies aber offenbar nicht annähernd ist, als Referenz zu verwenden. Sie trägt wissentlich dazu bei, dass Ärzte Patienten nicht aufklären, dass Patienten nicht aufgeklärt werden und dass es immer mehr Betroffene von uns gibt. Ich finde es ermüdend und frustrierend mich mit dieser Stiftung immer wieder auseinandersetzen zu müssen, es wäre an der Zeit, dass Journalisten die Organisation mal genauer betrachten (einige haben das bereits getan, z.B. Zeit Online) und deren Machenschaften und wirklichen Interessen aufzudecken. Ihr habt Euch ja selbst gewundert, über die Studien zur Wirksamkeit und wie die zustande kommen und deren Ergebnisse. Ich habe dazu einen Beitrag auf meiner Website publiziert mit Stellungnahme der Deutschen Depressionshilfe:

Stiftung Deutsche Depressionshilfe stigmatisiert und zensiert Betroffene

Ich bitte Dich daher einen weiteren Beitrag zum Thema Antidepressiva zu machen und diese wichtige Problematik darin zu erklären. Du hast sehr großen Einfluss, dieser Beitrag wurde bereits über 500.000 mal angesehen und hat über 5.000 Kommentare. Wir Betroffenen kommen darin leider gar nicht vor, wir wollen aber gehört und gesehen werden, weil es durch die irreführende und pharmaabhängige Informationspolitik der Deutschen Depressionshilfe immer mehr von uns gibt. Ich werde diese E-Mail an Dich als Beitrag veröffentlichen und bitte Dich um eine Stellungnahme, die ich dann veröffentlichen kann. Ich habe 200.000 Seitenbesucher seit Gründung des Blogs in 2018, das zeigt, dass hier Informationsbedarf besteht.

Mit freundlichen Grüßen
Markus Hüfner

Depression-heute.de hat sich mit dem Video von maiLab wissenschaftlich auseinandergesetzt und wichtige Kritikpunkte herausgearbeitet:

Youtuber erklären Antidepressiva

Aloha*

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Das bin ich: Blogger, Webdesigner und Künstler. In diesem Blog schreibe ich über meine Erfahrungen mit der Heilkraft der buddhistischen Psychologie und dem Absetzen von Psychopharmaka. Ich gebe wertvolle Tipps und zeige einen erfolgreichen Weg aus der Psychopharmaka-Falle durch das A-B-S-Konzept.

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