Ein normaler Tag im Leben eines Depressiven oder »und täglich grüsst das Murmeltier« Teil 1

Matthew Johnstone, »Mein schwarzer Hund. Wie ich meine Depression an die Leine legte.«© Matthew Johnstone, »Mein schwarzer Hund« | Kunstmann Verlag

In diesem Beitrag habe ich einen ganz normalen Tag im Leben eines Depressiven beschrieben. Selbstverständlich ist dieser Bericht subjektiv und kann nicht verallgemeinert werden. Allerdings werden sich viele Menschen mit Depressionen darin wiederfinden, denke ich. Dies ist einer von zwei Beiträgen. Im zweiten Beitrag beschreibe ich dann einen guten Tag im Leben eines Depressiven. Fehlt noch ein Beitrag über einen schlechten Tag. Das Problem ist, dass es so etwas wie einen schlechten Tag in einer Depression nicht gibt, denn es handelt sich dabei eher um mehrere Tage, Wochen oder Monate, also eine wirklich tiefe Krise und es ist mir bisher nicht gelungen solch eine Krise zu dokumentieren, weil ich dann gar nicht fähig bin mein Tagebuch zu führen. Hier also ein ganz normaler Tag.

Zur Erklärung:

Die Illustrationen sowie das Titelbild sind aus dem großartigen Buch Mein schwarzer Hund –  Wie ich meine Depression an die Leine legte von Matthew Johnstone, der selbst unter Depressionen litt. Der schwarze Hund, der in diesem Cartoon-Buch ständig zu sehen ist, ist die Depression. Dem Hund wurden während seiner langen Geschichte als treuer Gefährte des Menschen, sowohl positive als auch negative Eigenschaften zugeschrieben. Hunde wurden mit den dunkleren Erfahrungen des Lebens in Verbindung gebracht und galten in Urmythen als Todesboten. Die Verbindung des schwarzen Hundes mit der Depression geht auf den Schriftsteller Samuel Johnson zurück und Winston Churchill machte die Metapher des »Black Dog«, um seine eigene Depression zu beschreiben, populär. Seit dem haben zahlreiche Schriftsteller, Maler und Sänger die Metapher des »Black Dog« als Depression verwendet. Selbst das psychiatrische Institut der »University of New South Wales« in Sydney, das »Black Dog Institute« hat sich danach benannt.

Es ist 7:00 Uhr, gerade hat mich mein Sleeptracker geweckt. Ich bin wach, aber mein Gehirn ist noch nicht hochgefahren und ich fühle mich für einen winzigen Moment irgendwie ziemlich wohl und unbeschwert. Das kommt mir seltsam vor, irgendetwas stimmt hier nicht, denke ich, bevor mein Gehirn aus dem Stand-by-Modus erwacht und mich darauf aufmerksam macht, dass ich ja eine Depression habe, die ich nie wieder los werde und dieser Tag genauso scheiße wird, wie der letzte Tag. Jetzt weiß ich, was nicht gestimmt hat, schönen Dank auch!

Das ist wie ein Schlag in die Magengrube und sofort habe ich auch wieder Magenkrämpfe. Eigentlich sollte ich jetzt voller Tatendrang aus dem Bett hüpfen. Ein neuer Tag voller Möglichkeiten und Erlebnisse ganze 24 Stunden. 24 Stunden! Dieser Gedanke löst das Gegenteil aus. Ich fühle mich wie gelähmt, ich weiß nicht, wozu ich aufstehen soll, was ich mit diesem elend langen Tag anfangen soll, 24 Stunden! Panik macht sich breit. Mein Kopfkino läuft und erzählt mir schlimme Geschichten. Ich bin wach und starre die Wand an. Nachdem ich das zwei Stunden getan habe, rolle ich mich auf die Seite und wuchte meinen Körper, der Megatonnen zu wiegen scheint aus dem Bett, eine irre Kraftanstrengung. Ich schaffe es, allerdings wohl eher, weil ich einem menschlichen Bedürfnis nachgehen muss, als das ich wirklich aufstehen will.

Ich schlurfe ins Bad. Beim Händewaschen schaue ich in den Spiegel. Ein fremdes Gesicht blickt mir entgegen. Es ist ungepflegt, hat tiefe Augenringe. Ich müsste dringend mal zum Friseur, meine Haare wuchern wild, mit einem Drei-Tage-Bart würde das vielleicht noch cool aussehen, wie ein Rockmusiker oder Alt-Hippie, leider wächst mir aber selbst nach Wochen kein richtiger Bart, es sind nur wenige Stoppel. Die Haut ist blass, weil ich nur selten das Haus verlasse. Ich sehe das Waschbecken, das dringend mal geputzt werden müsste und die Zahnbürste. Auch an diesem Morgen schaffe ich es nicht die Zähne zu putzen, ich war seit drei Jahren nicht mehr beim Zahnarzt, wundere mich stets, warum ich noch keine Zahnschmerzen habe (Korrektur: letztes Jahr habe ich es geschafft und es war alles in Ordnung). Wenn es hochkommt, schaffe ich es zwei mal die Woche die Zähne zu putzen, mit dem Duschen sieht es nicht viel anders aus.

Matthew Johnstone, »Mein schwarzer Hund. Wie ich meine Depression an die Leine legte.«

© Matthew Johnstone, »Mein schwarzer Hund« | Kunstmann Verlag

So eine Depression nimmt einem jegliche Menschenwürde.

Ich ignoriere das verschmutzte Waschbecken und setze mich an den PC. Ich warte darauf, dass meine Mutter kommt und mich fragt, was ich frühstücken will. Ich sage wie immer einen Reisbrei. Den vertrage ich zur Zeit am besten. Bis der Brei fertig ist, checke ich meine E-Mails, jede Menge Werbung, Spam und unwichtige Newsletter. Wie immer frustrierend. Ich weiß auch nicht, was ich erwarte, vielleicht eine E-Mail So werden sie ihre Depression los, in zehn Tagen für immer oder Die neue Glückspille ist da, nie wieder Depressionen. Ich habe einige Newsletter zum Thema Psychologie, Neurologie und Buddhismus abonniert. Dann lese ich aufmerksam, was es Neues aus der Forschung gibt, markiere wichtige Passagen, die ich für einen Beitrag für meinen Blog nutzen kann.

Freunde habe ich gerade mal noch zwei und beiden geht es selbst nicht gut. Über Nachrichten von Ihnen freue ich mich und ich schreibe ihnen öfters oder schicke ihnen relevante Infos über Depressionen oder lustige, interessante Youtube Videos, z. B. Links zu Satire- oder Kabarettsendungen. Ein Treffen zwischen zwei Depressiven ist ziemlich schwierig, mal hat der eine eine Krise, mal der andere. Meine beste Freundin sehe ich gerade ein Mal im Jahr, seit sie in Darmstadt lebt, gar nicht mehr. Mein anderer Freund liegt auf der Palliativstation und wird künstlich beatmet. Er schreibt mir oft, er hat seinen Frieden gemacht, mit seinem Schicksal (er hat Mukoviszidose und eine Lebenserwartung von 30 Jahren, er ist jetzt bereits über 30) und ist glücklich, obwohl er bis zu 20 Atemaussetzer am Tag hat, die sehr schmerzhaft sind und in eine Art Minikoma führen. Jeder Atemaussetzer könnte sein Letzter sein. Er sagt, das ist wie 20 mal sterben und wieder geboren werden an einem Tag. Ich glaube ihm das, wir kennen uns schon lange und er ist ein wundervoller Mensch. Ich fühle mich stets schlecht, weil mein Schicksal eine Depression zu haben mir dagegen so banal erscheint. Er hält mich bei der Stange, wie man so schön sagt, ermutigt mich nicht aufzugeben, sagt auch unbequeme Sachen, ist offen und ehrlich zu mir. Ich beantworte seine Mail.

Danach surfe ich stumpf durchs Internet, lese, wie die Welt dem Wahnsinn verfällt, über Flüchtlingskatastrophe, rechtsextreme Gewalttaten, Kriege, über Naturkatastrophen. Ich frage mich dabei, ob das die Depression ist, das ich alles so schwarz sehe oder ob die Welt da draußen wirklich so im Arsch ist. Es heißt ja, Depressive sähen nur schwarz und weiß und würden das Positive nicht mehr sehen. Ich bemühe mich wirklich es zu sehen., ich suche danach, finde aber nur wenig Positives, meistens Kleinigkeiten. Als Nächstes höre ich wie das Postauto kommt. Ich weiß nicht wieso, aber ich habe den Gedanken, dass vielleicht ja etwas Gutes mit der Post kommt. Vielleicht ein Brief von meiner Freundin, von früheren Freunden, etwas, das ich bestellt habe und was ein bisschen Freude in den grauen Depressionsalltag bringt, eine Platte (aus Vinyl, ja richtig ich höre Schallplatten, mit digitaler Musik kann ich nichts anfangen ich brauche etwas zum Anfassen und diesen unverwechselbaren rohen Sound von Vinyl). Ist es dann da, kann ich keine rechte Freude empfinden.

Das ist das Fiese an einer Depression, sie nimmt einem die Freude an allem, was man eigentlich mag!

» Wenn man einen Schwarzen Hund hat, fühlt man sich nicht nur ein bisschen niedergeschlagen, traurig oder melancholisch. Im schlimmsten Fall fühlt man überhaupt nichts mehr. «Matthew Johnstone

Nachdem meine Mutter von unten ruft, das der Brei fertig wäre schleiche ich die Treppe runter in die Küche. Süße den Brei und mache etwas Zimt rein, weil mein Kopf ganz woanders ist, rutscht viel zu viel Zimt in den Brei, verdammter Mist, denke ich. Ich murmle ein Guten Morgen zu meinem Vater.

Ich schaue kurz aus dem Küchenfenster, aha, immer noch Winter, es ist Mitte Januar und ich sehne den Frühling herbei, auch wenn die düstere Jahreszeit perfekt zu meiner düsteren Stimmung passt und ich weiß, das der Frühling erst Mal ziemlich grausam sein wird, weil der dann nicht mehr zu meiner Stimmung passt (die Natur blüht auf, die Frauen tragen wieder kurze Röcke, verliebte Paare schlendern Händchen haltend durch den Park und erinnern mich an meine Einsamkeit und den Wunsch nach einer Lebensgefährtin, die stark und selbstbewusst genug ist, um mich zu lieben. Ich denke, dass das alles mit einer Frau an meiner Seite, die mich wirklich liebt, besser zu ertragen wäre, eine Hoffnung, mehr aber nicht!). Trotzdem denke ich irgendwie immer noch besser als dieses grau in grau!

Ich quäle mich die Treppe rauf und setze mich vor den PC. Ich öffne itunes und schaue eine Folge einer meiner Lieblingsserien zur Zeit Lie to me mit Tim Roth über einen Lügenexperten, der Lügen an Hand von menschlich universalen Mikroausdrücken im Gesicht erkennt. Diesen Mann gibt es wirklich und ich habe mir schon lange vorgenommen eines seiner Bücher zu lesen, kann mich aber wegen der Depressionen so schlecht auf das Lesen konzentrieren. Ich finde es faszinierend, dass diese Mikroausdrücke bei allen Menschen gleich sind und sie niemand verbergen kann, weil sie automatisch geschehen (höchstens Soziopathen können das, weil sie keine Gefühle haben, die sie verraten könnten). Außerdem wird jedes Mal deutlich, welche Konsequenzen jede noch so kleine Lüge haben kann, was in der Serie meist zu einer menschlichen Tragödie führt.

Oder ich schaue in der Mediathek eine Satire- oder Kabarettsendung, die am Vortag spät abends lief. Früher habe ich das gerne geschaut. Mittlerweile schaue ich das nicht mehr so gerne, weil ich das Gefühl habe, das die Satire die Wahrheit ist und Politik zur Satire geworden ist. Selbst die Satiriker werden immer ernster. Das Lachen bleibt einem immer öfter im Halse stecken. Ich esse meinen Brei und ärgere mich über mich selbst, weil er ungenießbar ist, zu viel Zimt!

Danach nehme ich widerwillig mein Paroxetin ein, ein »SSRI-Antidepressivum« obwohl ich weiß, dass es nicht so gut wirkt, wie von Ärzten und der Pharmaindustrie behauptet.

Das liegt auch daran, dass etwa 70% aller erhältlichen Antidepressiva die Blut-Hirn-Schranke nicht passieren können, wie das Max-Planck-Institut für Psychiatrie wissenschaftlich nachweisen konnte. Mittlerweile gibt es einen Gentest, den ABCB1-Test, mit dem man feststellen kann, ob das eingenommene Antidepressivum wirkt oder welches wirken könnte. Die Kosten für den Test werden von der Krankenkasse nicht erstattet. Kaum ein Arzt oder Psychologe weiß, dass es diesen Test gibt.

Bleibt also eine Chance von 30%, dass eines dieser Antidepressiva wirken könnte. Hat man eines gefunden, das wirken könnte, heißt das noch lange nicht, dass es auch wirklich wirkt.

Hinzukommt, dass SSRI-Antidepressiva (auch moderne Antidepressiva genannt), die am häufigsten verschrieben werden, weil sie angeblich weniger Nebenwirkungen haben, als alte Antidepressiva, zum größten Teil über den »Placeboeffekt« wirken, wie der Harvard-Professor Irving Kirsch durch seine Studie zum Placeboeffekt moderner Antidepressiva 2009 feststellte. Dabei kam er zu dem Ergebnis, dass der Placeboeffekt mehr als 85% der Wirkung moderner Antidepressiva ausmacht. Mit dieser Studie sorgte er für großes Aufsehen.

Nun könnte man argumentieren, dass es doch egal ist, wie moderne Antidepressiva wirken, Hauptsache sie wirken. Außerdem haben sie kaum Nebenwirkungen, machen nicht abhängig, verändern die Persönlichkeit nicht und retten Menschenleben, wie es die Pharmaindustrie und Experten nicht müde werden zu betonen.

Leider stimmt das nicht!

Bereits 2004 warnte die FDA (amerikanische Arzneimittelaufsichtsbehörde, die auch für die Zulassung neuer Medikamente zuständig ist) davor, dass SSRI-Antidepressiva Angst, Erregungszustände, Panikattacken, Schlaflosigkeit, Gereiztheit, Feindseligkeit, Impulsivität, Akathisie (starke Ruhelosigkeit), Hypomanie (abnormale Aufgeregtheit) und Manie (Psychose, charakterisiert durch übersteigerte Gefühle, Größenwahn) verursachen können ( siehe »Worsening Depression and Suicidality in Patients Being Treated with Antidepressant Medications«, Gesundheits- Informationsbulletin der FDA, 22. März 2004).

Auch das Absetzen dieser Medikamente kann suizidales, aggressives und gewalttätiges Verhalten auslösen.

Dr. David Healy MD FRCPsych (Direktor des »North Wales Department of Psychological Medicine«) und Dr. Charles Medawar von »Social Audit UK« forschen seit Jahren im Bereich der SSRI-Antidepressiva. Ihre Arbeiten geben Anlass zu der Vermutung, dass die Gefahren von SSRI-Antidepressiva vor allem in Bezug auf ihr Abhängigkeitspotenzial stark unterschätzt werden. Gerade die SSRI-Antidepressiva mit kurzer Halbwertszeit führen bei vielen Patienten zu Problemen beim Absetzen.

In Großbritannien gibt es das yellow card system. Damit können alle Ärzte des Landes mit gelben Karten das Auftreten von unerwünschten Nebenwirkungen von Medikamenten bei ihren Patienten an die staatliche Arzneimittelaufsicht (»Committee on Safety of Medicines«) melden, so erhält die Behörde einen Überblick über schädliche Medikamente.

2002 wurden für das Antidepressivum Paroxetin über 1000 Yellow Cards bzgl. absetz- und abhängigkeitsbezogener Probleme gemeldet, im Vergleich dazu für das Benzodiazepin Lorazepam (Tavor), das nachweislich abhängig macht nur 38 (siehe Statistik).

Ich habe mehrmals versucht mein Antidepressivum abzusetzen, ohne Erfolg, es kam jedes Mal zu schlimmen Entzugssymptomen, wie sie die FDA festgestellt hat. Im Beipackzettel von Paroxetin heißt das dann verharmlosend Absetzsyndrom. In Wahrheit ist es eine Abhängigkeit. Die meisten Psychiater haben mich schräg angesehen, nachdem ich ihnen von meinen Problemen berichtet habe. Auch als ich ihnen die Publikation von Dr. David Healy, Dr. Charles Medawar und David Taylor (Chefpharmakologe im Maudsley Hospital, London), der selbst schlimme Erfahrungen mit dem Entzug von SSRI-Antidepressiva machte, vorlegte (in dem auch die Statistik des Committee on Safety of Medicines – CSM/MCA – UK enthalten ist), wurden die darin erwähnten Fakten zum Abhängigkeitspotenzial rigoros abgestritten, obwohl sie die Zahlen schwarz auf weiß vor sich hatten.

Sie sind eben auch nur Menschen, die glauben wollen, was die Pharmaindustrie ihnen verspricht, weil sie ihren Patienten helfen wollen. Das glaube ich wirklich! Sie haben ihre Überzeugungen und halten daran fest, ohne sie je infrage zu stellen. Selbst dann nicht, wenn ein Kollege schlimme Erfahrungen damit gemacht hat, das wird dann einfach ausgeblendet.

Im Vorwort für den behandelnden Arzt dieser Publikation heißt es:

Dieses Dokument wurde Ihnen wahrscheinlich von einem Patienten überreicht, weil er oder sie Nebenwirkungen oder unerwartete Probleme während der Einnahme oder beim Absetzen eines SSRI erfahren hat. Mit Hilfe der Informationen in diesem Dokument hoffen wir, Ihnen nützliches Material in die Hand zu geben, von dem ausgehend Sie ein weiteres Vorgehen mit Ihrem Patienten planen können

Seit den Absetzversuchen ist meine Darmflora im wahrsten Sinne des Wortes im Arsch. Ich habe ständig Krämpfe und Bauchschmerzen. Essen macht keine Freude mehr. Früher habe ich gerne selbst gekocht, jetzt ist Essen nur noch eine Funktion. Ich bereue jeden Tag mich darauf eingelassen zu haben, Antidepressiva zu nehmen. Ich habe, wie Ärzte und Therapeuten auch, darauf vertraut, dass sie, wie von der Pharmaindustrie versprochen wirken werden.

Die Nebenwirkungen von Paroxetin spüre ich jeden Tag. Das macht mich wütend, weil niemand was dagegen unternehmen kann, die Pharmaindustrie ist viel zu mächtig. Außerdem macht es mich wütend, weil die Psychiaterin, die mir Paroxetin damals 2009 in einer Psychiatrie verschrieben hat, mich nie über dessen hohes Abhängigkeitspotenzial, das bereits bekannt war, und die anderen Risiken und Nebenwirkungen aufgeklärt hat. Verschreibt ein Arzt ein Medikament ist er dazu verpflichtet den Patienten über die Risiken und Nebenwirkungen aufzuklären, selbst dann, wenn diese aus dem Beipackzettel hervorgehen. Das hat der Bundesgerichtshof in einem Urteil entschieden. Ich wurde nie bei der Verschreibung von Psychopharmaka über deren Risiken und Nebenwirkungen aufgeklärt und ich habe eine Menge verschiedener Psychopharmaka von verschiedenen Psychiatern/Ärzten verschrieben bekommen.

Irgendwie motiviert mich das dann, mich wieder an meinen Blog zu setzen und irgendetwas Produktives zu tun. Eben hatte ich noch eine Idee, einen Gedanken, den ich zu Papier bringen wollte, jetzt ist er Weg. Ich gehe in mich und stelle wie Karl Valentin fest auch nix los. Ich versuche den Gedanken wieder zu finden, Fragmente tauchen wieder auf, ich bringe sie schnell zu Papier (auf den Bildschirm) suche nach Wörtern, nach Formulierungen, damit es nicht so mechanisch klingt. Ich verzweifle, bin frustriert, weil mich meine sonst so treffende Wortgewandtheit mal wieder im Stich lässt. Das geht dann noch so eine halbe Stunde weiter. Bis ich ziemlich frustrierend das Textverarbeitungsprogramm schließe, wobei mich das Programm bestimmt aber nachdrücklich fragt, ob ich das Dokument speichern möchte? Wenigstens geht nix verloren, denke ich so bei mir und überlege, was ich stattdessen machen kann.

Ich schlage mein Projektbuch auf, in dem alles dokumentiert wird, was noch zu tun ist. Ich blättere durch die Seiten und suche nach etwas, das schnell geht und nicht zu viel Konzentration erfordert. Das frustriert mich noch mehr, weil noch so viel zu tun ist und ich wegen der scheiß Depression einfach nicht vorwärtskomme! Ich öffne meine Website und schaue sie mir an und bin unzufrieden damit, es sieht noch nicht so aus, wie ich mir das vorstelle. Jeder Andere wäre vermutlich zufrieden damit, nur ich mal wieder nicht, scheiß Ansprüche, scheiß Perfektionismus, denke ich, so wird das nie fertig! Nach zwei Stunden ohne wirklich etwas erledigt zu haben gebe ich völlig erschöpft auf. Ich hab nicht mal mehr die Kraft die Programme zu schließen und den PC ordnungsgemäß herunterzufahren, soll er doch in den Stand-by-Modus gehen, denke ich, dahin, wo mein Gehirn die meiste Zeit zu sein scheint.

Es ist inzwischen Abend, die letzten Stunden habe ich damit verbracht, gelähmt im Sessel zu sitzen und die Wand anzustarren. Weil ich nicht mehr abgelenkt bin, meldet sich mein Magen, ich stelle fest, ich habe wieder mal viel zu wenig getrunken und Appetit habe ich jetzt auch keinen mehr, außerdem kann ich dann wieder ewig nicht einschlafen, wegen der Magenschmerzen. Ich sehe die Wasserflasche neben mir stehen, bin aber nicht fähig sie zu nehmen und was zu trinken. Der ganze Körper ist wie erstarrt. Ich schaffe es die Fernbedienung des Fernsehers einzuschalten und zappe wahllos durch die Sender, allerdings geht das nur noch in eine Richtung. Die Fernbedienung ist schon mehrmals vor lauter Frust durch die Wohnung geflogen und nach und nach haben sich immer mehr Tasten verabschiedet, laut stellen geht noch, leise nicht mehr, manche Zahlen fehlen komplett. In der Glotze läuft fast nur Müll, die Nachrichten tue ich mir schon lange nicht mehr an, viel zu spät gehe ich ins Bett und hoffe, bloß keinen Albtraum zu haben, dabei wieder aus dem Bett zu fallen oder laut zu schreien und meine Eltern in Panik zu versetzen. Ich hoffe auch, dass der nächste Tag besser wird, dass ich aufwache und mein Verstand mir nicht wieder sagt, Du hast eine Depression und die wirst Du nie wieder los! Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt man, die Hoffnung ist ein mieser Sadist, sagt meine Freundin. Ich bin geneigt, ihr Recht zu geben und schlafe irgendwann mit dem Wunsch, erst gar nicht mehr aufzuwachen ein. Denn morgen beginnt die Scheiße wieder von vorn und es heißt erneut

und täglich grüßt das Murmeltier und das seit 7 Jahren!

Im zweiten Teil beschreibe ich einen guten Tag im Leben eines Depressiven, ein seltenes Ereignis.

Aloha*

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