Die Dämonen der Vergangenheit

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Die Dämonen der Vergangenheit

Als ich etwa 15 Jahre alt war, wurde ich 3 Jahre lang in der Schule von einer Gruppe Jungs permanent gemobbt.

Ich möchte kurz erklären, was Mobbing ist, warum Menschen mobben und was das für Konsequenzen für Opfer von Mobbing haben kann. Denn Fakt ist: Mobbing kann jeden treffen. Jeder 4. von uns wird irgendwann in seinem Leben ein Mal die schlimme Erfahrung machen, gemobbt zu werden.

Was ist Mobbing?

Mobbing ist, wenn ein Mensch systematisch fertiggemacht wird, mit dem Ziel ihn aus einer Gruppe auszustoßen. Der Unterschied zu gelegentlichen Sticheleien oder Streitereien, die Menschen relativ gut ertragen können, ist die Dauer.

Mobbing kann monate- oder jahrelang andauern, mit ernsthaften Konsequenzen für die Opfer: Mobbing macht krank. Bei besonders jungen Opfern, wie Kindern und Jugendlichen, deren Gehirn noch nicht vollständig ausgebildet ist, verändert der Dauerstress durch das Mobbing sogar die Strukturen des Gehirns krankhaft, mit der Folge, dass sich junge Opfer nie wieder ganz erholen. Sie entwickeln psychische Krankheiten, wie Angststörungen und Depressionen und begehen im schlimmsten Fall Suizid (etwa 1000-2000 Jugendliche jedes Jahr in Deutschland). Kinder und Jugendliche sind dem Mobbing in Schulen hilflos ausgeliefert, denn sie haben noch nicht gelernt, sich zu wehren.

Warum Mobben mir?

Mobbing ist angeboren, selbst Tiere tun es. Der österreichische Forscher Konrad Lorenz beobachtete in den 1960er Jahren das Verhalten von Graugänsen, die sich zusammenschlossen, um Fressfeinde gemeinsam in die Flucht zu schlagen. Er nannte dieses Verhalten 1963 soziale Verteidigungsaktion. In einer englischen Übersetzung wurde daraus der Begriff Mobbing. Der Psychologe Heinz Leymann beschrieb Mitte der 1980er Jahren als Erster, was Mobbing ist und wie Menschen mobben. Wie bei Tieren ist das Verhalten auch bei Menschen angeboren. Im Unterschied zu Tieren, die kein Bewusstsein haben und aus einem Instinkt heraus so handeln (um sich vor übermächtigen Feinden zu schützen), verfolgen Menschen dabei einen Plan. Ihnen ist bewusst, was sie tun und warum sie es tun. Das Ziel ist immer ihr Opfer systematisch fertigzumachen und aus der Gruppe auszuschließen, egal wie alt die Täter sind.

Motive gibt es viele: Macht, Neid, Rassismus, Diskriminierung aufgrund von Aussehen, sexueller Ausrichtung oder sozialen Verhältnissen.

Wie wird gemobbt?

Methoden sind: Einschüchterung, Hänseln, Informationen verweigern, ausgrenzen, behindern, Gerüchte streuen, lästern, Verleumdung, übles Nachreden, um das Ansehen des Opfers zu zerstören.

Wie man Mobbing verhindern kann?

Neueste Forschungsergebnisse zeigen, dass die Täter keine Chance haben, wenn es genug Menschen gibt, die keine Angst haben und dem oder den Täter(n) bei ersten Anzeichen von Mobbing klar machen, dass sie dies nicht zulassen werden. Das ist die Gruppe der Außenstehenden bzw. der Zuschauer. Meist geschieht dies nicht. Daher sind die Außenstehenden genauso schuldig daran, dass ein Mensch gemobbt wird, wie der/die Täter, denn sie könnten es verhindern.

Warum Außenstehende nicht eingreifen?

Aufschlüsse gibt ein Experiment von Psychologen der LMU München. Schüler sollten sich den Film BenX des belgischen Journalisten und Regisseurs Nic Balthazar ansehen. Darin wird in drastischen Bildern die Geschichte eines Mobbing-Opfers erzählt. Während die Schüler den Film ansahen, wurde die elektrische Leitfähigkeit ihrer Haut gemessen: Je verschwitzter die Haut, desto gestresster die Schüler. Denn: Stresshormone führen dazu, dass man schwitzt. Also eine Art Lügendetektortest – nur ohne Befragung. Dabei ergaben sich drei charakteristische Muster – und damit drei Profile:

Kaum Stressreaktionen: Die Schweiß-Kurve blieb flach. Wahrscheinlich finden sich in dieser Gruppe die Täter und ihre Assistenten.

Stressreaktion nur in Szenen mit physischer Gewalt – da aber deutlich. Hier vermuten die Forscher die Verteidiger.

Heftig schwankende Schweiß-Kurven – die immer stärker ansteigen: Der Hinweis auf eine ständige, wachsende innere Anspannung. Höchstwahrscheinlich die Außenstehenden.

Das Paradoxe: Gerade diejenigen, die wegschauen und nicht helfen sind gleichzeitig die, die am meisten unter der Situation leiden. Die Forscher begründen das so: Die Außenstehenden haben selbst persönliches Leid erlebt und konnten das nie richtig verarbeiten. Die Psychologen nennen diese Menschen »personal distressed«. Sie empfinden zwar empathisch – fühlen also, wie sich das Opfer fühlt – können mit diesem Stress aber nicht umgehen. Ihr Mitgefühl mit dem Opfer lähmt sie: Sie halten es nicht aus und schauen weg – die einzige Möglichkeit, den eigenen Empfindungen zu entkommen.

Das Problem hat, wie so häufig, auch mit der Erziehung zu tun. Die These: Ein zu kalter oder ein zu beschützender Erziehungsstil führen dazu, dass Kinder nicht lernen, in Konflikt- oder Stresssituationen couragiert zu reagieren. Denn in beiden Fällen erfahren die Kinder nie, dass Konflikte zum Leben dazugehören und gelöst werden können. Ein erster Schritt gegen Mobbing könnte also sein, Außenstehenden dabei zu helfen, ihre eigenen Empfindungen besser zu verstehen und zu zeigen: Du kannst Mobbing beenden, wenn du hinsiehst und dem Opfer hilfst – und so eine Situation kann man überstehen.

Blinkende Gehirne – psychischer und körperlicher Schmerz haben etwas gemeinsam

Was jetzt kommt, ist extrem spannend – aber auch mit Vorsicht zu genießen.

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie sitzen im Park auf einer Wiese. In der Nähe werfen sich zwei Personen gegenseitig einen Ball zu. Auf einmal landet der Ball aus Versehen bei Ihnen. Sie stehen auf und werfen den Ball zurück – und kriegen ihn wieder zugespielt. Sie spielen mit. Doch dann, ganz plötzlich, schließt man Sie aus dem Spiel aus. Wie fühlen Sie sich dabei? Gedemütigt.

Was wie ein abstraktes Gedankenexperiment klingt, ist ein Computerspiel zu Forschungszwecken: Zunächst darf der Proband mitspielen, dann plötzlich nicht mehr. In einem MRT wird währenddessen analysiert, welche Gehirnregionen beim Spielen aktiv wurden.

Und siehe da: Bei den Ausgeschlossenen wurden dieselben Gehirnregionen aktiv wie bei körperlichem Schmerz.

Doch Vorsicht: Das bedeutet nicht unbedingt, dass im Gehirn exakt dasselbe passiert. Ob also Kopfschmerztabletten auch gegen psychischen Schmerz helfen könnten, ist in der Forschung noch umstritten.

Fest steht aber: Unser Gehirn reagiert auf sozialen Ausschluss. Und das ändert sogar die Struktur des Gehirns – durch den Dauerstress, dem das Gehirn ausgesetzt ist.

Quelle: Quarks und Caspers: Mobbing – 7 Dinge, die Sie wissen sollten.

Ich war ein ruhiger, schüchterner Junge und brachte gute bis sehr gute Leistungen. Ich war kein Streber, aber ein sicherer Zweier-Kandidat, der auch öfters mal eine Eins bekam.

Ich war gut in Englisch, Deutsch und, da ich schon damals viel las, schrieb ich sehr gute Aufsätze. Das Schreiben machte mir Freude. Außerdem hatte ich in den damals noch üblichen Kopfnoten (Fleiß, Betragen, Aufmerksamkeit und Ordnung) stets ein sehr gut oder gut. Zu den Kopfnoten gehörten Charaktereigenschaften, die man heute als Soft Skills bezeichnen würde.

Mein damaliger Klassenlehrer legte großen Wert auf diese Kopfnoten, ebenso auf mündliche Mitarbeit im Unterricht. Er war ein strenger aber gerechter Lehrer. Es war ihm wichtig nicht nur Wissen, sondern auch Praktisches für das Leben zu vermitteln, neugierig zu sein, tolerant zu sein, respektvoll zu sein, wissbegierig zu sein, teamfähig zu sein. Daher war es ihm wichtig, dass wir stets nachfragten, wenn wir etwas nicht verstanden hatten. Zur besseren Einprägung zitierte er gerne die folgende Strophe aus dem Sesamstraßenlied, die für mich auch im späteren Leben zu einer Art Leitmotiv wurde:

Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum, wer nicht fragt, bleibt dumm.

Hatte jemand etwas nicht verstanden und trotzdem nicht nachgefragt, konnte das für denjenigen sehr unangenehm werden, falls er die Aufgabe nicht lösen konnte oder falsch verstanden hatten. Mir ist das nur ein Mal passiert, danach nie wieder. Ich glaube, er wollte uns damit zu selbstständig denkenden und verantwortungsvollen Menschen erziehen, die ihr Leben lang neugierig und wissbegierig blieben.

Für mich war er mehr als nur ein Klassenlehrer, er war mein Mentor, von dem ich mehr für das Leben gelernt habe, als von den meisten anderen Lehrern.

Durch meine guten Leistungen und mein vorbildliches Verhalten im Schulalltag und Unterricht wurde ich so etwas wie sein Lieblingsschüler. Mit Lob war er sparsam. Wenn jemand seine Arbeit aber gut gemacht hatte, dann teilte er das dieser Person auch stets mit und spornte sie an, so weiter zu machen. Es ging ihm dabei gar nicht so sehr um die Noten, sondern mehr darum, ob der Schüler sein Bestes gegeben hatte, nach seinen Möglichkeiten. Schüler, die das taten, förderte er ohne sie zu überfordern. Wie gesagt, wenn jemand etwas nicht verstanden hatte, aber nachfragte, dann erklärte er es gerne so lange, bis derjenige es auch verstanden hatte. Es zeigte ihm, das der Schüler wirklich bemüht war, die Aufgabe zu verstehen und richtig zu lösen.

Ein paar Jungs bekamen schnell mit, dass ich so etwas wie sein Lieblingsschüler war und darauf und auf meine guten Leistungen waren sie neidisch.

Besonders einem war das ein Dorn im Auge. Er hieß P. und war ein arroganter Schnösel, der aus einer reichen und einflussreichen Familie in unserer Stadt kam. Er dachte, dass allein wäre ausreichend um die Gunst des Klassenlehrers zu erhalten. Er hielt sich stets für etwas Besseres, als alle Anderen. Als er merkte, dass der Klassenlehrer einen Schüler nur nach dessen Leistungen und seinen positiven Eigenschaften als Mensch bewertete und nicht aufgrund seiner Herkunft oder seines Standes, stieß ihm das sauer auf. Mein Klassenlehrer zeigte ihm deutlich, was er von seinem arroganten, überheblichen und selbstgefälligen Verhalten hielt.

P. war zwar neu in die Klasse gekommen, mit seinem guten Aussehen, seinem scheinbar großen Selbstwertgefühl (Problematik) und dem Einfluss durch seine Familie war er schnell beliebt, besonders bei den Jungs. Er scharrte einige um sich und unter seiner Führung begannen sie, mich zu mobben. Darunter war ein Schüler, mit dem ich seit der Einschulung in die gleiche Klasse gegangen war und mit dem ich nie Probleme hatte. Auch mit den anderen hatten ich bisher nie Probleme gehabt. Erst als P. dazu kam, änderte sich das und ich kann mir gut vorstellen, dass die meisten dieser Jungs mitmachten, um nicht selbst zum Opfer zu werden, denn keiner von ihnen hatte besonders großes Selbstvertrauen.

Sie nutzen jede Gelegenheit mich öffentlich zu blamieren, bloßzustellen oder peinlich in den Mittelpunkt zu rücken.

P. hatte schnell erkannt, dass ich eher selbstunsicher war und nicht gerne im Mittelpunkt stand. Sie warfen während des Unterrichts Papierkügelchen auf mich, versteckten meine Schulsachen, meinen Stuhl oder machten sich einen Spaß daraus mich bei anderen Schülern unbeliebt zu machen, indem sie negative Sachen über mich erzählten.

Das Provozieren während des Unterrichts diente dabei nur einem Zweck: Ich sollte auffallen, sie hofften, ich würde sie anschreien, mit dem Scheiß aufzuhören oder mich beim Klassenlehrer darüber beschweren und somit den Unterricht stören. Das Ziel war es, die Gunst des Klassenlehrers durch ständiges Auffallen und Stören des Unterrichts zu verlieren. Manchmal hatten wir Unterricht in einem Vorlesungsraum mit hintereinander angeordneten von vorne nach hinten höher werdenden Sitzreihen, wie man sie aus dem Plenarsaal vom Studium kennt. Sie besetzten stets die Reihe hinter mir, egal, wo ich mich hinsetzte und dann begannen sie, wenn der Klassenlehrer gerade etwas an die Tafel schrieb, damit mir leichte Schläge auf den Hinterkopf zu geben, um meine Konzentration zu stören, wiederum ausfallend zu werden und den Unterricht zu stören.

Ich tat ihnen diesen Gefallen nicht ein einziges Mal.

Ich ertrug es, versuchte es zu ignorieren und hoffte, sie würden damit aufhören, wenn sie erkannten, dass sie ihr Ziel nicht erreichten. Ich entwickelte Strategien und nahm z. B. meine Schulsachen während der Pausen mit oder schloss sie in ein Schließfach ein. Ich ließ mir nichts anmerken, ich wollte nicht, dass sie merkten, dass ihre Gemeinheiten Wirkung zeigten. In Wahrheit brodelte ich wie ein Vulkan vor Wut. Ein zunehmendes Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit machte sich breit.

Bei jeder Gelegenheit, bei der mir einer aus der Gang alleine begegnete, sagte ich ihm deutlich, was ich von seinem Verhalten mir gegenüber hielt und trat dabei selbstbewusst auf. Keiner wagte es mir etwas anzutun, wenn sie mir einzeln begegneten. Sie gingen mir meist aus dem Weg. Erst wenn P. dazu kam, wurden sie selbstbewusster und schubsten mich, sie wollten wohl nicht, dass P. erkannte, dass er eine Gruppe von Feiglingen um sich gescharrt hatte, die nur in der Gruppe stark waren.

Ich hatte etwa 4 Freunde, die ähnlich wie ich waren. Keiner half mir, sie verhielten sich neutral, wenn mich die Gang mal wieder auf dem Kicker hatte. Ich wusste, dass sie Angst hatten, selbst zum Opfer zu werden, wenn sie mich verteidigen würden, so wie der Rest der Klasse. Sie machten beim Mobbing nicht mit, aber sie verhinderten es auch nicht.

Als ich mit der Zeit feststellte, dass sich meine Hoffnung, wenn ich das alles einfach weiter ignorieren würde und sie merken würden, dass sie so ihr Ziel nicht erreichten, damit aufhören würden, platzte, weil sie eben nicht aufhörten, sondern sich immer gemeinere Sachen einfallen ließen und mich nun auch auf dem Schulhof, in den Pausen und beim Sportunterricht verbal hänselten, probierte ich alles, damit es aufhörte, denn es machte mich fertig.

Ich bat sie, damit aufzuhören, ich versuchte mich mit ihnen anzufreunden und in die Gruppe aufgenommen zu werden, ich wurde wütend und sagte ihnen, was sie meiner Meinung nach seien, schrie sie an. Ich war psychisch fertig. Ich hatte jeden Tag Angst in die Schule zu gehen. Schließlich ging ich zum Klassenlehrer und erzählte ihm davon. Es war ihm keineswegs entgangen, was da ablief.

Er konnte aber nicht mehr tun, als jeden der Gang einzeln zu ermahnen und ihm zu sagen, sollte er jemanden dabei erwischen, wie er mich mobbte, dies schwere Konsequenzen für denjenigen hätte und er das auch dessen Eltern mitteilen würde. Keiner gab zu, je gemein zu mir gewesen zu sein und sie gingen so geschickt vor, dass der Klassenlehrer sie nie dabei erwischte und deshalb waren ihm die Hände gebunden. P. gingen die Ermahnungen des Klassenlehrers am Arsch vorbei, er fühlte sich sicher. Er war wohl davon überzeugt, dass sein Stand und der Einfluss seiner Familie, ihn vor den angedrohten Konsequenzen schützen würden. An seiner Arroganz und seiner Besserwisserei gegenüber dem Klassenlehrer änderte sich nie etwas. Bei dem Rest der Gang war das anders. Selbst die Ermahnung schreckte sie nicht davor ab, mit dem Mobbing weiter zu machen und ich denke, das lag vor allem daran, weil sie wussten, wenn sie P. sagen würden, dass sie da nicht mehr mitmachten, aus Angst dabei erwischt zu werden und vielleicht von der Schule zu fliegen, sie ganz schnell selbst zum Opfer werden könnten. Sie nahmen lieber die angedrohten Konsequenzen des Lehrers in kauf, als selbst zum Opfer zu werden.

Dieser psychische Terror zeigte mit der Zeit seine Wirkung. Ich hatte jeden Tag Angst in die Schule zu gehen.

Ich musste mich dazu zwingen. Ich schlief schlecht und hatte Albträume. Auch meine Schulleistungen litten darunter und es entwickelten sich Prüfungsängste. Als das begann, ging ich zu einem Psychologen, der mit mir autogenes Training übte und mein Selbstvertrauen stärkte.

Nach fast 4 Jahren psychischen Terrors war ich dann soweit, dass ich mich zur Wehr setzen konnte. Ich nahm mir einen von ihnen während des Sportunterrichts vor. Wir spielten gerade Fußball gegeneinander und in einem Zweikampf rammte ich ihm mein Knie heftig dahin, wo es Jungs am meisten wehtut, ich half ihm aufzustehen und sagte ihm dabei leise ins Ohr, dass ich das jetzt mit jedem machen würde, der glaubte mich weiter ärgern zu können und mir diese Gemeinheiten nicht mehr länger gefallen lassen würde und das es mir auch egal sei, ob ich deswegen von der Schule fliegen würde oder nicht. Das wirkte. Von da an ließen sie mich in Ruhe.

Leider hatte es viel zu lange gedauert, bis ich mich wehren konnte und ich zahlte einen hohen Preis dafür.

Dieses ständige Erleben von Hilflosigkeit, Ohnmacht, Wut und Verzweiflung führten mit der Zeit zu einem Trauma und sozialen Ängsten, die sich dadurch ausdrückten, dass ich eine ausgeprägte Angst vor Ablehnung und Zurückweisung sowie eine soziale Phobie mit Panikattacken entwickelte. Ich habe einen hohen Preis bezahlt, der mir bis heute das Leben schwer macht. Ich konnte wegen der sozialen Ängste mein Studium nicht abschließen, weil ich irgendwann keine Referate mehr halten konnte und ich habe mich nie getraut eine Frau anzusprechen und bin bis heute einsam. Ich war oft verliebt, es gab eindeutige Möglichkeiten, aber ich konnte sie aufgrund der sozialen Ängste nicht wahrnehmen.

Ich habe den Realschulabschluss trotz dieses Terrors mit 2,0 geschafft. Danach ging ich auf eine Wirtschaftsschule, da versuchte auch einer mich zu ärgern, dem zeigte ich dann gleich mal, das er das mit mir nicht machen konnte. Danach ging ich 2 Jahre auf eine Fachoberschule für Wirtschaft und machte mein Fachabitur. Während dieser Zeit erlebte ich das genaue Gegenteil zur Realschule, ich war von Anfang an beliebt, lernte meinen besten Freund kennen, mit dem ich auch heute noch befreundet bin, und hatte eine wirklich tolle Zeit vor allem dank meines Freundes. Mit ein paar Jungs gingen wir ständig auf Partys oder in Kneipen. Wir ließen es ordentlich krachen!

Danke Sven, danke für alles, es war eine großartige Zeit, wir hatten so viel Spaß! Du hast mir gezeigt, dass das Leben Spaß machen kann. Wir waren ständig unterwegs und feierten. Meine Schulleistungen litten etwas darunter, ich schaffte das Abitur mit 2,7, aber das war mir egal, denn das war es wert gewesen.

Wir gingen dann auch zusammen in die Berufsschule, machten beide unsere Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten und hatten zwei weitere tolle Jahre voller Spaß, denn der Unterricht viel uns leicht, da wir das meiste schon vom Fachabitur kannten.

Wir kamen während dieser Zeit öfters mal zu spät zum Unterricht. Manchmal fragte ich mich, wie wir es überhaupt dahin schafften. Während der Ausbildung zum Bürokaufmann, die ich im öffentlichen Dienst machte, gingen wir donnerstags abends in die Disco, um mit Freunden zu feiern. Der eine konsumierte ordentlich Alkohol, der andere musste fahren und dabei wurde es oft spät. Ich hatte das große Glück, dass im öffentlichen Dienst freitags nur bis 12 Uhr gearbeitet wurde, trotzdem waren es fünf ziemlich lange Stunden in diesem Zustand. Ich war in diesen 4 Jahren ziemlich glücklich, es fehlte eigentlich nur ein Mädchen an meiner Seite und sexuelle Erfahrungen und leider hat sich daran bis heute nichts geändert.

Ich erinnere mich noch so sehr gut daran, dass wir am Abend vor unserer schriftlichen Abschlussprüfung zum Bürokaufmann so heftig feierten, dass mir noch während der Prüfung der Schädel vom Alkohol brummte. Keine Ahnung, wie, aber wir schafften die Prüfung beide mit links. Insgesamt bekam ich eine 2. Ohne die Eskapaden, das Feiern mit Sven hätte ich bestimmt das Abitur und auch die Prüfung zum Bürokaufmann besser abgeschlossen, aber ich hätte so viel vom Leben verpasst, das ich es bereut hätte. Auch meine Führerscheinprüfung schaffte ich trotz der sozialen Ängste noch. Schließlich gingen wir beide nach Darmstadt zum Studieren. Erst dort wurden die sozialen Ängste so heftig, dass ich das Studium nach zwei Semestern abbrechen musste, ich konnte keine Vorträge mehr halten, aus Angst mich zu blamieren und dann von den anderen abgelehnt zu werden. Es war das erste Mal, dass ich wegen der sozialen Ängste etwas nicht schaffte.

Aus heutiger Sicht ist klar, dass die Zeit des Mobbings dafür verantwortlich ist, dass sich diese sozialen Ängste entwickelten und manifestierten.

Dadurch viel es mir sehr viel schwerer Frauen anzusprechen, als Anderen, denn die Angst vor Ablehnung oder Zurückweisung, die wohl fast jeder kennt, hatte bei mir ein viel größeres Ausmaß. Sie drückte sich in heftiger Derealisation (einem Gefühl, dass alles um einem herum völlig unwirklich erscheint und verschwimmt), Panik und Beklemmung im Brustkorb sowie Herzrasen aus.

Ich denke, dass ich aufgrund dieser schlimmen Erfahrungen einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn entwickelt habe. Wenn ich etwas Positives darüber sagen kann, dann, dass es mich stärker gemacht hat in dem Sinne, dass ich mich wehre, sobald ich ungerecht behandelt werde. Tatsache ist aber auch, dass ich mich nie davon erholt habe und mir die sozialen Ängste das Leben unnötig schwer machen und ich deshalb sehr viel im Leben verpasst habe, was andere als selbstverständlich empfinden: Eine intime Beziehung zu haben, Sex zu haben, eine eigene Familie zu haben. All das habe ich bis heute nicht erleben dürfen und das schmerzt gewaltig!

… wird fortgesetzt

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