Die Antidepressivalügen und ihre Folgen

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Die Antidepressivalügen und ihre Folgen

» Man kann einen Teil des Volkes die ganze Zeit täuschen und das ganze Volk einen Teil der Zeit. Aber man kann nicht das gesamte Volk die ganze Zeit täuschen. «Abrahm Lincoln

2009 wurde mir in einer psychiatrischen Tagesklinik aufgrund von leichten Depressionen und Ängsten zum ersten Mal das »SSRI-Antidepressivum« Paroxetin (England: Seroxat, USA: Paxil) verordnet. Damals wurde ich von der Oberärztin nicht über die Risiken, Nebenwirkungen und das schon zu diesem Zeitpunkt bekannte hohe Abhängigkeitspotenzial von Paroxetin aufgeklärt. Nach 6 Monaten hatte das Antidepressivum noch immer keine antidepressive und auch keine angstlösende Wirkung gezeigt.

Im Gegenteil: Ich hatte einige Nebenwirkungen, die meine Lebensqualität stark einschränkten. Ich litt unter starkem Libidoverlust, es machte mich praktisch impotent. Die Oberärztin nahm daraufhin eine Medikamentenumstellung von Paroxetin auf das SSRI-Antidepressivum Citalopram (Cipramil) vor, innerhalb von einer Woche, ohne Probleme. Da ich das Citalopram nicht vertrug, wechselte ich wieder zurück zum Paroxetin.

17. Mai 2013
Medikation: 60 mg Paroxetin | 25 mg Promethazin

2013 wollte ich Paroxetin endgültig absetzen. Ich hatte praktisch kein Sexualleben mehr, obwohl ich öfters verliebt war und daraus auch Beziehungen hätten entstehen können, traute ich mich nicht wegen der Impotenz diese einzugehen. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass das Paroxetin die Depression verstärken und manifestieren würde. Mir ging es sehr schlecht und es musste etwas geschehen. Daher beschloss ich wieder in die Tagesklinik zu gehen. Die Aufnahme erfolgte am 17. Mai 2013. Das Aufnahmegespräch führte der behandelnde Therapeut. Es war ein anderer, als beim letzten Aufenthalt und ich fühlte mich von Anfang an in guten Händen bei ihm. Er war mir sehr sympathisch, hörte mir aufmerksam zu, war einfühlsam und verständnisvoll UND er arbeitete bereits mit der Akzeptanz- und Commitment-Therapie. Ich war zuversichtlich, dass mich die Zusammenarbeit mit ihm weiter bringen würde. Dann folgte das lange Pfingstwochenende und ich hatte eine heftige Krise mit starken Schuldgefühlen. Meine Mutter hatte mir mitgeteilt, dass sie auch Depressionen habe und ich fühlte mich verantwortlich dafür.

18. Mai 2013
Medikation: 60 mg Paroxetin | 25 mg Promethazin

Tagebuch:

Mama hat auch Depressionen! ICH WILL NICHT MEHR!!! Wenn es jetzt nicht den Durchbruch gibt, gibt es keinen weiteren Versuch mehr, dann ist EXITUS, egal wie, muss ich mich zum Tod auch noch quälen, scheiß drauf! Ausdehnung und Metta mit CD auf Kissen praktiziert (Achtsamkeit, Selbstmitgefühl, Akzeptanz). Neue Zitatkarte für Meditationsplatz gestaltet: Unser Leben ist eine ständige Abfolge von verschiedenen Zuständen und Gefühlen. Nichts ist bleibend, nichts ist unbeweglich.” (Kreativität, Erfolg, Freude) Abends Musik gehört (Genuss, Entspannung, Freude)

19. Mai 2013
Medikation: 60 mg Paroxetin | 25 mg Promethazin

Tagebuch:

Meditation Gefühle wahrnehmen mit CD (Akzeptanz, Bereitwilligkeit, Achtsamkeit, Selbstmitgefühl). Gelesen Der achtsame Weg durch die Depression, Kapitel »Körper, Geist und Emotionen«: Jede Emotion ist eine ganzheitliche Reaktion auf eine typische Situation:

  • Angst: wenn Gefahr droht.
  • Trauer/Traurigkeit: wenn man etwas Kostbares verliert.
  • Ekel: wenn man mit etwas Unangenehmen konfrontiert wird.
  • Zorn/Ärger: wenn ein wichtiges Ziel blockiert ist.
  • Freude: wenn unsere Bedürfnisse erfüllt werden.

(Bildung, Wissen, Reflektion, Neugier, Akzeptanz, Selbstmitgefühl, Beharrlichkeit)

21. Mai 2013
Medikation: 60 mg Paroxetin | 25 mg Promethazin

Ich dachte, das Absetzen des Paroxetins wäre keine große Sache. Schließlich hatte ich es schon einmal problemlos umgestellt und nach zwei schlimmen aber erfolgreichen Benzodiazepinentzügen, von denen der erste traumatisch verlief, da er zunächst kalt und dann als reiner Tavorentzug gemacht wurde (beides entspricht nicht den Leitlinien) im Jahre 2011 und 2012 (nach einem Rückfall), dachte ich: »Noch schlimmer als das, kann es nicht werden.«

In der Visite mit der Oberärztin und dem behandelnden Psychologen wurde die Behandlung besprochen. Da ich aus der vorherigen Behandlung in der Tagesklinik die Launen der Oberärztin bereits kannte, versuchte ich nicht weiter auf ihre typischen Sticheleien einzugehen. Ich erzählte ihr, dass ich seit dem letzten Benzodiazepinentzug 2012 unter protrahierten Entzugssymptomen leiden würde. Sie sagte mir in ihrer mir schon bekannten Arroganz, dass dies nicht möglich sei und ich mir das nur einbilden würde. Ich erwiderte, sie solle sich doch bitte mal darüber informieren, was protrahierte Entzugssymptome sind und diese häufig auftreten, insbesondere dann, wenn ein Entzug zu schnell gemacht wird. Diese Diskussion war sinnlos, sie lies nichts anderes gelten. Zu meinem Erstaunen räumte sie immerhin ein, dass auf der Station beim Entzug einiges schief gelaufen sei, was aber sicher zu keinem Trauma geführt habe. Ich sagte ihr, dass ich das anders sehen würde. Anschließend wurde die Medikation besprochen. Sie mache den Vorschlag das Paroxetin durch Valdoxan zu ersetzen, einem anderen Antidepressivum mit einer völlig anderen Wirkstoffklasse, dass dafür bekannt war starke Leberschäden zu verursachen. Ich lehnte also dankend ab und schlug vor stattdessen Cipralex zu probieren, da mir damit die Umstellung schon einmal gelungen war. Sie willigte ein.

Mittlerweile weiß ich, schlimmer geht immer. Ich ging vorsichtshalber wieder in die psychiatrische Tagesklinik, da mir so etwas in einem stabilen Umfeld bestimmt leichter fallen würde. Fallen trifft es, ich fiel, in ein tiefes dunkles Loch ohne Boden, kaum 3 Tage nachdem das Paroxetin von 60 auf 40 mg reduziert worden war. Heute weiß ich, dass es Wahnsinn ist, Paroxetin in so kurzer Zeit so stark zu reduzieren. Ich hatte extreme Suizidgedanken, Panikattacken und brutale Albträume. Meine Verdauung stellte den Dienst ein, ich bekam starke Magenkrämpfe, Übelkeit, Sodbrennen. Eine extreme innere Unruhe überfiel mich, die ich nicht mehr los wurde. Ich hatte Gewaltfantasien gegenüber anderen Personen, Gefühle von unbegründeter Feindseligkeit und von Hass. Ich dachte, ich würde wahnsinnig werden. Einzig das Umfeld der Tagesklinik hielt mich aufrecht und ich hielt eine Woche durch bis zur nächsten Visite mit der Oberärztin.

Ich berichtete ihr von den schlimmen Symptomen und sagte, dass man das Paroxetin langsamer absetzen müsse, da ich offenbar unter einem SSRI-Absetzsyndrom litt.

Sie verharmloste das: Das kann nicht sein. So etwas habe ich noch nie erlebt, das bilden Sie sich nur ein.

Ich erwiderte: »Nur weil sie dies noch nie erlebt haben, bedeutet das nicht, dass es das nicht gibt. Es steht schließlich im Beipackzettel und das bestimmt nicht ohne Grund. Bitte lesen Sie diesen doch mal.«

Ich fragte mich in diesem Moment, wie viele Ärzte den Beipackzettel eines Medikamentes lesen, das sie ihren Patienten verschreiben?

» Ein hohes Selbstwertgefühl bedeutet nicht, dass man ein besserer Mensch ist, sondern nur, dass man sich für einen besseren Menschen hält «Kristin Neff

Meine Antwort verstand sie offenbar als Beleidigung ihrer Kompetenz, sie fühlte sich in ihrem Selbstwertgefühl angegriffen. Sie erwiderte, dass Antidepressiva nicht abhängig machen würden und ich mir die Symptome nur einbilden würde. Meine Bitte wurde abgelehnt und das Paroxetin wieder auf die Ausgangsdosis erhöht.

Nach zwei Benzodiazepinentzügen mit heftigen Entzugssymptomen über Monate hinweg, denke ich, dass ich weiß, was Entzugssymptome sind und diese von Krankheitssymptomen unterscheiden kann. Zumal eine sofortige Besserung eintrat, als ich wieder auf die Ausgangsdosis zurückging. Ein sicheres Zeichen dafür, dass ich unter Entzugssymptomen litt und nicht unter rückkehrenden Krankheitssymptomen und ich mir das mit Sicherheit auch nicht bloß eingebildet hatte. Die Oberärztin war anderer Meinung und ließ sich auf keinen weiteren Versuch ein. Ich hätte mir damals mehr Verständnis und Mitgefühl für meine Notlage von ihr gewünscht.

Von 2013 bis 2016 unternahm ich weitere 5 Versuche Paroxetin abzusetzen, alle ohne Erfolg. Der letzte Versuch erfolgte 2017 nach einem Absetzplan eines erfahrenen Psychiaters, dieses Mal in 10mg Schritten, alle 4 Wochen. Ich war bis auf 20 mg Paroxetin runter und es war einigermaßen erträglich, bevor es von den einen auf den anderen Tag so richtig heftig wurde. Ich fühlte mich, als ob mir jemand den Stecker gezogen hatte, nichts ging mehr, ich saß stundenlang in meinem Sessel und starrte die Wand an, während meine Gedanken immer morbider wurden. Ganze 4 Wochen verharrte ich bei 20mg und hoffte, die heftigen Entzugssymptome würden langsam besser werden.

4 Wochen sind eine elend lange Zeit, wenn Du Dir jeden Abend denkst, will ich den nächsten Tag noch erleben, der vermutlich genauso grausam oder noch grausamer wird, wie der zu Ende gehende Tag oder gehst Du gleich zum Bahnhof und wirfst Dich vor den nächsten Zug. Nur 5 Minuten zu Fuss und es ist vorbei. Irgendwann hielt ich es ohne Benzodiazepine nicht mehr aus und schließlich musste ich sie immer öfter nehmen, bis ich wieder bei der Ausgangsdosis von 60mg Paroxetin war, da ich in 10mg Schritten wieder rauf ging und eine zeitlang dort blieb, um zu sehen, ob sich mein Zustand besserte oder nicht. Ich wollte nicht noch zusätzlich erneut benzodiazepinabhängig werden, aber irgendwann war es nicht mehr zu ertragen und ich nahm sie wieder regelmäßig, da ich befürchtete mir ernsthaft etwas anzutun.

Jetzt bin ich wieder benzodiazepinabhängig, zum dritten Mal in meinem Leben und das, weil ich ein Antidepressivum absetzen wollte, ich kann es noch immer nicht fassen. Das Paroxetin nehme ich weiterhin mit 60 mg ein. Ich habe weiterhin kein Sexualleben und bin einsam, obwohl ich mich nach nichts mehr sehne, als nach einer Lebensgefährtin, einer eigenen Familie.

Das Paroxetin hat mich feindselig gemacht, aggressiv, verbittert, hasserfüllt. Ich hatte Gewaltfantasien, die mir eine scheiß Angst machten und ich verspürte den immer stärker werdenden Drang, mich endlich von diesen Qualen zu erlösen.

Ich war nicht mehr ich selbst. Durch diese heftige Persönlichkeitsveränderung habe ich meine drei besten Freunde verloren. Es ist grausam in dem Bewusstsein zu leben, eine aggressive, verbitterte und potenziell gewalttätige Person zu sein, zu glauben, dass das, was Du denkst und fühlst, Du bist, so bist Du. Ich wusste ja nicht, dass die Medikamente meine Persönlichkeit dermaßen stark verändert hatten und ich gar nichts dafür konnte. Nachdem ich wieder bei der Ausgangsdosis von 60mg Paroxetin angekommen war, verschwanden die Entzugssymptome, bis auf die Magen-Darm-Krämpfe. Heute weiß ich, dass ich das nicht bin und nie wahr, sondern die Medikamente mich dazu gemacht haben. Leider haben meine Freunde das nicht geglaubt, so sehr ich sie auch durch Briefe und Fachliteratur davon zu überzeugen zu versuchte.

Mein späterer neuer Psychiater erklärte mir, dass sich ein Antidepressivaentzug auch verzögert einstellen kann, erst nach Monaten. Daher ist es wichtig, in sehr kleinen Schritten abzudosieren. 10% der Ausgangsdosis für mindestens 4 Wochen besser sind 6-8 Wochen und dann wieder 10% von der aktuellen Dosis. Nicht selten zieht sich solch ein Entzug über mehrere Jahre hin und manche schaffen es gar nicht. Nach 5 gescheiterten Versuchen gebe ich nicht auf, ich will mein Leben zurück, dass mir dieses Antidepressivum seit fast 10 Jahren stiehlt.

Ich lese gerade das Buch Überleben des weltbekannten Bergsteigers Reinhold Messner. Ein Psychopharmakaentzug kann zu den schlimmsten Erfahrungen gehören, die ein Mensch machen muss. Wenn ich einem Außenstehenden das klar machen möchte, dann vergleiche ich es gerne mit dem besteigen des Mount Everests, ohne jede Klettererfahrung, ohne Bergführer und ohne Sauerstoff. Ich war zwei Mal da oben und habe es auch wieder runter geschafft. Jetzt muss ich noch 3 mal da rauf, ein Neuroleptikum muss ich nämlich auch noch absetzen. Da bin ich gerade dabei und ich bin kurz vor dem Gipfel. Danach erfolgt der 6. Versuch das Paroxetin abzusetzen und erst wenn mir das gelungen ist, darf ich ganz zum Schluss zum dritten Mal in meinem Leben den Benzodiazepinentzug angehen. Das Benzodiazepin vor dem Paroxetin zu entziehen wäre nach den gemachten schlimmen Erfahrungen nicht ratsam. Ich weiß nicht, woher ich die Kraft dafür noch nehmen soll und ob ich das überleben werde. Bisher bin ich ein Überlebender. Überleben hat mit Leben nichts zu tun. Winston Churchill sagte mal

wenn Du durch die Hölle gehst, dann geh weiter.

Ich gehe durch die Hölle, jeden Tag und habe noch keinen Ausgang gefunden, also gehe ich weiter und suche danach, das ist überleben!

Viele werden jetzt den Kopf schütteln, nachdem sie diesen Erfahrungsbericht gelesen haben und denken:

Was redet der da für einen Blödsinn. Diese Medikamente machen nicht abhängig und verändern die Persönlichkeit nicht. Außerdem haben sie weniger Nebenwirkungen, wie alte Antidepressiva. Sie beseitigen ein Ungleichgewicht an Botenstoffen im Gehirn, das als die Hauptursache für Depressionen gilt und verhindern Suizide, das weiß doch jeder.

Woher wissen wir das oder glauben es zu wissen? Es sind die allgemein anerkannten und seit Jahrzehnten von der Psychiatrie und Pharmaindustrie propagierten Thesen. Leider gibt es für diese Thesen bis heute keinen einzigen wissenschaftlichen Beweis, aber einige, die diese Thesen widerlegen.

Warum schenken die meisten Ärzte und Psychiater den Aussagen ihrer Patienten über die praktischen Erfahrungen mit diesen Medikamenten weniger Glaubwürdigkeit als den Aussagen der Pharmaindustrie?

Diese Frage habe ich mir nach meinen schlimmen Erfahrungen gestellt und ich habe nach Antworten gesucht. Dabei bin ich auf Fakten und Studien gestoßen, die diese Thesen widerlegen und ich bin auf die unheilvolle Allianz von Pharmaindustrie und Psychiatrie gestoßen, denen es nicht um das Wohl von Patienten geht, sondern auf der einen Seite um größere Absetzmärkte durch die rasant zunehmende Pathologisierung von normalen Gemütszuständen zu schaffen (Industrie) und auf der anderen Seite um Macht, Einfluss, Ruhm und Prestige (Psychiatrie). Ich werde im Folgenden diese Thesen mit wissenschaftlichen Fakten und Studien widerlegen. Ich werde auch erklären, warum es uns Menschen so schwer fällt, der Realität ins Auge zu blicken und uns lieber täuschen lassen.

… wird fortgesetzt

Zuletzt aktualisiert am 09.08.2018

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