Belastungserprobungen

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Belastungserprobungen

Donnerstag, 21. April 2011
Medikation: 50 mg Paroxetin | 300 mg Quetiapin | 0-0-0-1 mg Tavor 1

In der nächsten Visite wurde mir der Entlassungstermin mitgeteilt: 26. April 2011. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, man wollte mich so schnell wie möglich los werden. Auf meine Bedenken wegen der jetzt schon auftretenden Entzugssymptomen und meine Bitte, wieder in die Tagesklinik gehen zu können, ging man nicht ein. Ich sagte, es sei dringend notwendig, dort wieder hinzugehen, da der Entzug jetzt erst beginnen würde, man könne mich doch jetzt nicht allein damit lassen. Wieder interessierte das niemanden.

»Blühender Japanischer Kirschbaum«, © mh April 2011

»Blühender Japanischer Kirschbaum«, © mh April 2011 | Bild kommentieren/teilen

Am 21. April 2011 wurde das Tavor komplett abgesetzt. Die Entzugssymptome nahmen weiter zu. Ich versuchte, mich durch Kreuzworträtsel und Puzzeln abzulenken. Am Nachmittag ging ich mit einer Mitpatientin in den Park. Wir unterhielten uns und später legte ich mich auf eine Bank in die Sonne und hörte Musik. Danach gingen wir in die Stadt ein Eis essen. Unterwegs traf ich zwei Freunde aus der Tagesklinik, die mich spontan zum Kaffee trinken zu sich einluden. Obwohl die Entzugssymptome weiter zugenommen hatten, ging ich mit. Schon dort ging es mir richtig mies, Panik, Angst, Kribbeln, Sehstörungen, starke Anspannung, Druck, Enge in der Brust. Ich verabschiedete mich bald und ging zurück in die Klinik.

19:00 Uhr

Nachdem ich die Entzugssymptome zwei weitere Stunden ausgehalten hatte, ging ich zum Stationszimmer und teilte der Pflegerin mit, dass ich starke Entzugssymptome hätte und das so nicht mehr ertragen würde.

Sie sagte Ihren Satz: »Das müssen Sie aushalten. Wenden Sie die Ablenkungsstrategien an.«

Ich sagte meinen Satz: »Die bringen doch nichts.« Es war beinahe wie ein Spiel, wenn es nicht so ernst gewesen wäre.

Dann hörte ich mich wütend sagen: »Ist das alles, was Sie mir als Hilfe anbieten können? Fällt Ihnen nicht mal was anderes ein?«

»Dann gehen Sie doch auf das Ergometer.«

Das tat ich dann auch, bis ich völlig ausgepumpt war, an den Entzugssymptomen änderte das natürlich gar nichts, stattdessen hatte ich wieder Herzrasen. Ich ging zum Stationszimmer, um noch mal mit Ihr zu reden:

»Ich war gerade 45 min. auf dem Ergometer, aber das hat rein gar nichts gebracht. Im Gegenteil, jetzt habe ich auch noch Herzrasen. Wie soll ich denn so schlafen können?«

Sie meinte lapidar: »Dafür haben Sie jetzt weitere 45 min. geschafft und so müde, wie Sie sind, werden Sie bestimmt gut schlafen.«

Wenn ich noch etwas Kraft übrig gehabt hätte, hätte ich meine eiserne Regel nie eine Frau zu schlagen evtl. brechen müssen.

Die Panik wurde immer stärker, der Druck in der Brust immer größer.

20:30 Uhr

Ich ging zu meinem Zimmer zurück. Ich war so aufgedreht und angespannt, der Druck in der Brust, die Enge waren schier erdrückend, das Atmen viel mir schwer und mein Herz raste. Ich nahm eine Dusche und versuchte 2 Stunden lang mit Entspannungsübungen einzuschlafen. Normalerweise funktioniert das bei mir ziemlich gut. Mit den Entzugssymptomen war daran aber gar nicht zu denken. Mein Zimmernachbar war inzwischen auch zu Bett gegangen und schnarchte wie immer laut.

Unmöglich so einzuschlafen. Die Panik wurde immer stärker, der Druck in der Brust immer größer. Ich begann wieder zu verkrampfen und Schauerwellen durchfluteten meinen Körper. Was konnte ich jetzt noch tun? Ich könnte noch mal zum Stationszimmer gehen und um meinen Bedarf bitten, aber ich wusste, ich würde nichts erhalten. Also nahm ich eine Tavor, die ich mir für diesen Notfall von zu Hause mitgebracht hatte. Es war mir scheiß egal, ich wollte nur schlafen und meine Ruhe haben. Daraufhin schlief ich dann endlich ein.

Tagebuch:

Mit J. im Park gewesen, später Eis essen in der Stadt. D. und C. von der Tagesklinik getroffen, die mich spontan zum Kaffeetrinken einluden. Alles ohne Tavor. Zum Schlafen dann doch Tavor genommen.

Werte: Freude, Freundschaft, Dankbarkeit, Mitgefühl, Achtsamkeit.

Behandlungsprotokoll:

19:00 Uhr: Herr H. kommt ins Stationszimmer. Berichtet, dass es ihm wegen Tavorreduktion sehr schlecht gehe, bemerke schon den ganzen Tag starke Unruhe. Patient wird auf Ablenkungsstrategien hingewiesen. Wirkt daraufhin Unruhe mit körperlicher Aktivität auf Hometrainer entgegen, berichtet anschließend, dass dies wenig wirkungsvoll gewesen wäre, Patient geht zu Bett, fühle sich müde, habe jedoch Ängste wg. Unruhe nicht schlafen zu können.

Ich wollte am liebsten zu Hause bleiben und nie wieder in diese Klinik zurückgehen.

Samstag, 23. April 2011
Medikation: 50 mg Paroxetin | 300 mg Quetiapin | 0-0-0,5-0 mg Tavor

Das Osterwochenende stand an und es war geplant von Freitag auf Samstag zur Belastungserprobung zu Hause zu übernachten, am Samstag wieder in die Klinik zurückzukehren und noch ein Mal von Sonntag auf Montag zu Hause zu übernachten und montags für die letzte Nacht vor der Entlassung wieder in die Klinik zurückzukommen.

Ich freute mich darauf zu Hause schlafen zu können. Die Nacht schlief ich durch und den Samstag verbrachte ich mit Fernsehen, Radfahren und PC-Spielen, um mich von den heftigen Entzugssymptomen abzulenken. Als es auf den Abend zuging und mir bewusst wurde, dass ich wieder in die Klinik zurück musste, bekam ich wieder starke Panik. Ich hatte Angst vor der anstehenden Nacht, erneut nicht schlafen zu können und mit meiner Panik und den verdammten Entzugssymptomen alleine gelassen zu werden. Mir war klar, dass man dort nichts tun würde, um mir das Ganze erträglicher zu machen, egal was ich auch sagen würde, ich würde keinen Bedarf erhalten. Die leitende Psychologin hatte mir in der letzten Visite sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass niemand mit Tavor entlassen werden würde und man darauf stolz sei.

Ich hielt es irgendwann nicht mehr aus. Ich wollte am liebsten zu Hause bleiben und nie wieder in diese Klinik zurückgehen. Mir wurde aber klar, dass ein Abbruch zu großen Problemen mit der Krankenkasse und dem Sozialamt führen würde. Man würde mir womöglich vorwerfen, nicht richtig mitzuarbeiteten und evtl. die Leistungen streichen.

Ich hatte keine Wahl, ich musste zurück in die Klinik, ich dachte »nur noch zwei Nächte, dann wirst Du sowieso entlassen, das schaffst Du auch so!«

Ich schaffte es nicht!

Vor der Rückfahrt in die Klinik nahm ich eine halbe Tavor. Mein Vater riet mir noch, das auf der Station gar nicht zu erwähnen. Hätte ich doch nur auf ihn gehört.

20:45 Uhr

Auf der Station angekommen, ging es mir von Minute zu Minute schlechter, ich hatte Angst Schwierigkeiten zu bekommen, wenn herauskam, dass ich etwas genommen hatte, ohne es mitzuteilen. Ich klingelte also und die diensthabende Schwester kam. Leider war das die, die mich schon bei meiner starken Panikattacke am dritten Tag so herablassend behandelt und teilnahmslos danebengesessen hatte.

Ich sagte zu ihr: »Ich habe gerade zu Hause eine halbe Tavor genommen. Ich hätte es sonst nicht hierher geschafft. Ich habe große Angst hier nicht schlafen zu können.«

Sie blaffte mich an: »Das geht aber nicht, Sie können nicht einfach Tavor nehmen. Wo haben Sie das überhaupt her?«

»Von zu Hause, ich habe da noch einen Restbestand, ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten.«

»Das muss ich dem Arzt vom Dienst (AvD) mitteilen. Es ist wohl besser, wenn Sie hier bleiben, statt in die Belastungserprobung zu gehen. Das macht keinen Sinn, wenn Sie zu Hause Panik bekommen und was nehmen müssen, um es da auszuhalten.«

Ich sagte wütend zu ihr: »Sagen Sie mal hören Sie mir überhaupt zu! Ich habe gerade gesagt, dass ich das Tavor genommen habe, weil ich wieder zurück auf die Station musste und es dort nicht aushalte! Sie drehen mir die Worte im Mund rum. Niemand geht hier auf das ein, was ich sage. Ständig bekomme ich zu hören, dass ich das aushalten müsse und meine Ablenkungsstrategien anwenden soll. Sie tun nichts für mich, um es erträglicher zu machen. Ich fühle mich komplett alleine gelassen in meiner Verzweiflung. Niemand hat Verständnis für meine Notlage. Haben Sie schon mal daran gedacht, dass das erst zu mehr Panik bei mir führt?«

»Ich werde jetzt den Arzt vom Dienst informieren, der wird mit Ihnen sprechen«, sagte sie und verschwand.

Ich war wieder alleine und konnte einfach nicht verstehen, wie man so missverstanden werden kann! Zuhören ist doch nicht schwer, einfach zu hören, was ich sage und mir nicht die Worte im Mund verdrehen. Ich schwor mir, sollte ich nach der nächsten und letzten Belastungserprobung wieder Panik vor der Rückkehr in die Klinik bekommen und etwas nehmen müssen, dieses mal meine Klappe zu halten.

Behandlungsprotokoll:

Herr H. kommt 20.15 Uhr in gedrückter Stimmung zurück, kein Blickkontakt, geht in sein Zimmer. Kurze Zeit später bittet er um Gespräch, zu Hause starke Unruhe u. Ängste. Nacht sei gut gewesen. Heute wieder schlecht gegangen, abends 1 mg Tavor. Hat zu Hause noch fast volles Päckchen. AvD informiert, will noch mit Patient sprechen, morgen keine Belastungserprobung, sonst weitere Einnahme von Tavor vorprogrammiert. Nächste Woche therapeutisch aufarbeiten. Gespräch mit AvD auf morgen verschoben. Patient geht zu Bett.

Wenn ich nicht so wütend gewesen wäre, dann hätte ich es wohl aufgegeben mit dem Arzt vom Dienst zu sprechen.

Sonntag, 24. April 2011
Medikation: 50 mg Paroxetin | 300 mg Quetiapin | 25 mg Promethazin

Die zweite Belastungserprobung von Sonntag auf Montag bestand bevor. Am Morgen kam eine Schwester auf mich zu und teilte mir mit, der Arzt vom Dienst hätte keine Bedenken wegen der Belastungserprobung. Ich bat die Schwester den Arzt persönlich zu sprechen. Ich wollte wissen, wie es mit dem Entzug weitergehen würde, wie lange die Entzugssymptome anhalten würden und was ich dagegen tun könnte, statt der sinnlosen Ablenkungsstrategien. Ich hatte bisher noch immer keine Aufklärung darüber erhalten. Ich wollte das klären, bevor ich wieder zu Hause war und ihn Fragen, ob er mir etwas anderes zur Beruhigung geben könnte.

Die Schwester lehnte ein Gespräch mit dem AvD ab. Ich konnte das nicht verstehen. Ich sagte:

»Es muss doch möglich sein in einem Krankenhaus ein Gespräch mit dem AvD zu bekommen. Dafür ist er doch da! Ich halte das so nicht aus, es muss doch etwas geben, dass es erträglicher macht?«

»Sie können mit Ihrer Bezugstherapeutin darüber sprechen und Ihre Ablenkungsstrategien anwenden.«

Ich antwortete so beherrscht wie möglich: »Sie weißt mich lediglich wie Sie gerade auch, darauf hin, dass ich das aushalten muss und meine Ablenkungsstrategien anwenden soll. Sie ist eine Therapeutin und keine Ärztin. Deshalb möchte ich mit einem Arzt sprechen, der die notwendige Kompetenz bzgl. Psychopharmaka hat.«

»Wenden Sie Ihre Ablenkungsstrategien an.«

»Wenn Sie mir nicht helfen wollen, dann bin ich hier wohl falsch!«

Wütend ging ich auf mein Zimmer zurück.

Behandlungsprotokoll:

Herr H. schläft etwas länger, laut telefonischen AvD-Kontakt kann Herr H. heute in Belastungserprobung gehen So/Mo. PK richtet dies Herrn H. aus.

Herr H. besteht auf einem Kontakt mit AvD, da er diesen Zustand nicht aushalten könne, bzw. nicht selbst etwas dagegen tun könne, bräuchte unbedingt ein Medikament um seine Unruhe zu besänftigen, wird an Kontakte mit Bezugstherapeut und Ablenkungsstrategien erinnert, sagt dann, »wenn sie mir nicht helfen wollen, dann bin ich hier wohl falsch«

Geht in sein Zimmer, AvD informiert, zunächst kein AvD-Kontakt.

09:00 Uhr

Weil ich auf das Gespräch dringend angewiesen war, ging ich noch mal zum Stationszimmer und bat die Schwester erneut mit dem AvD sprechen zu dürfen. Ich sagte:

»Ich möchte jetzt den AvD sprechen, ich bestehe darauf. Rufen Sie ihn an, damit er herkommt!«

Sie schaute mich an, ohne etwas zu sagen. Ich stapfte wieder zurück auf mein Zimmer.

09:30 Uhr

Eine halbe Stunde später ging ich wieder zum Stationszimmer und sagte:

»Ich werde jetzt so lange zu Ihnen kommen, bis Sie den AvD anrufen und ihn bitten zu kommen.«

Sie sagte: »Der AvD ist informiert. Er wird zu Ihnen kommen, wenn er Zeit hat. Er ist noch bei einem anderen Patienten.«

Ich wollte noch zu Ihr sagen, warum Sie mir das nicht schon vorher mitgeteilt hätte, ließ es aber bleiben. Ich war erleichtert, dass der AvD kommen würde.

Der AvD kam 45 min. später und sprach mit mir. Er verschrieb mir Promethazin, ein Neuroleptikum, für die starken Anspannungszustände und zum Schlafen als Bedarf mit 2 x 25 mg. Auch wenn ich erreicht hatte, was ich wollte, so ärgerte ich mich maßlos über diesen Vorfall. Erst als ich mit Nachdruck darauf bestand mit dem AvD sprechen zu dürfen, wurde dieser informiert.

Ich fragte mich, welcher Mensch in dieser psychischen und physischen Verfassung, denn dazu in der Lage wäre so vehement auf ein Gespräch mit dem AvD zu bestehen. Wer überhaupt die Kraft und den Mut hätte, so etwas mehr als einmal zu versuchen?

Wenn ich nicht so wütend gewesen wäre, über das inakzeptable Verhalten der Schwester und nicht vorher schon so viel schief gelaufen wäre, dann hätte ich es wohl auch aufgegeben mit dem AvD zu sprechen.

Behandlungsprotokoll:

Herr H. kommt eine halbe Stunde später erneut auf PK zu, verlangt sofort einen AvD Kontakt, AvD erneut informiert, wird auf Station kommen. Hr. H. sucht später erneut Kontakt zu PK, dauert ihm zu lange bis AvD kommt, wird darauf hingewiesen, dass der AvD gerade bei einem anderen Patient ist.

Ärztlicher Verlaufsbericht: Kurzes Gespräch mit Patient. Will ein Medikament zur Beruhigung, wird auf die Notwendigkeit hingewiesen, mit den Angstzuständen aus eigener Kraft fertig zu werden. Möchte jedoch etwas zum Schlafen. Erhält Atosil (Promethazin) bei Bedarf zur Nacht.

Montag, 25. April 2011
Medikation: 50 mg Paroxetin | 300 mg Quetiapin | 25 mg Promethazin | 0-0-1-0 mg Tavor

Tagebuch:

Heute wieder zurück auf Station, eine weitere Nacht vor mir, Panik nimmt stark zu, weil ich wieder in die Psychiatrie muss. Panik vor der Nacht, wie beim letzten mal. Überlege gar nicht mehr, nehme eine Tavor zu Hause und halte dieses mal meine Klappe, bevor es wieder Ärger gibt. Man geht eh nicht auf mich ein, versteht mich nicht, fühle mich allein gelassen und fassungslos, bin froh, wenn ich zu Hause bin und dieser Albtraum aufhört.

Behandlungsprotokoll:

20.00 Uhr: Herr H. kommt aus Belastungserprobung zurück, gibt an das der gestrige Tag gut verlaufen sei, heute war er sehr aufgeregt, wegen der morgigen Entlassung. Erkundigt sich bei PK über Ablauf der Entlassung z. b. Abschluss Gespräch. Gespräch mit AvD gestern habe ihm gut getan, hat gestern 25 mg Atosil vom mitgegebenen Bedarf eingenommen, freundlich im Kontakt.

Fussnoten:
1. Paroxetin: SSRI-Antidepressivum, Quetiapin (Seroquel Prolong): Atypisches Neuroleptikum, Atosil (Promethazin): Atypisches Neuroleptikum, Tavor (Lorazepam): Benzodiazepin

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Mein Name ist Markus Hüfner. Ich bin Blogger, Webdesigner und kreativer Querdenker. In diesem Blog schreibe ich über die Heilkraft der buddhistischen Psychologie. Ich gebe wertvolle Tipps über das Absetzen von Benzodiazepinen und zeige einen erfolgreichen Weg aus der Benzo-Falle durch das A.B.S.-Konzept »