Wieder in der Tagesklinik

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Wieder in der Tagesklinik

Viele Studien weisen darauf hin, dass das Sprechen vor Publikum Menschen am meisten Angst macht. An zweiter Stelle folgt die Angst vor dem Tod. Der Tod steht an zweiter Stelle! Klingt das normal? Bei einer Beerdigung bedeutet das für den Durchschnittsmenschen, dass der, der im Sarg liegt, besser dran ist, als derjenige, der die Trauerrede halten mussJerry Seinfeld

01.–04. März 2011
Medikation: 60 mg Paroxetin | 30 mg Mirtazapin 1

Das war das dritte Mal, dass ich wieder in die Tagesklinik ging. Zuvor wurde ich dort wegen sozialen Ängsten und Panikattacken (im DSM-5, dem Diagnose-Handbuch für Psychiater nennt sich das auch »Soziale Phobie« oder noch schlimmer »Selbstunsichere und zwanghafte Persönlichkeitsstörung«) behandelt worden. Als ich 2003 zum ersten Mal in meinem Leben in die Psychiatrie ging und mit dem Begriff »Persönlichkeitsstörung« konfrontiert wurde, war das ein Schock.

Der Psychiater sagte nach einem einzigen ambulanten Vorgespräch von 10 Minuten zu mir:

»Herr Hüfner, Sie haben eine schwere Persönlichkeitsstörung und müssen mindestens ein halbes Jahr hier in der Psychiatrie bleiben.«

Ich kann mich noch gut daran erinnern, meine Eltern saßen neben mir und waren mindestens genauso fassungslos über diese Aussage.

Wie kann sich ein Psychiater anmaßen, nach einem Gespräch von 10 Minuten eine solche Diagnose zu stellen und einem Menschen sagen er wäre eine gestörte Persönlichkeit und das ohne jegliches Einfühlungsvermögen und sich selbst zu fragen, wie sich ein Patient wohl fühlt, wenn man ihm diese Diagnose an den Kopf wirft? Ich bin dann 2002 zum ersten Mal in die psychiatrische Tagesklinik vor Ort gegangen. Täglich gab es dort eine Morgenrunde, in der Patienten kurz über ihr Befinden berichteten. Bei einem Neuzugang musste sich jeder kurz vorstellen, mit Namen und weshalb er hier war. Das fand ich schon damals ziemlich entwürdigend, während andere Patienten sagten: »Mein Name ist […]  und ich habe ein Depression«, versuchte ich den Begriff »schwere selbstunsichere und zwanghafte Persönlichkeitsstörung« zu vermeiden und sagte: »Mein Name ist Markus und ich habe soziale Ängste mit Panikattacken«. Leider ließ die leitende Psychologin mich damit nicht davon kommen und bestand darauf, meine Diagnose korrekt zu benennen. Auch wenn noch andere Patienten mit unterschiedlichen »Persönlichkeitsstörungen« zur Behandlung dort waren, änderte das nichts daran, das ich es entwürdigend fand und mich fragte, was die anderen Patienten wohl über mich dachten?

Nach 4 Wochen sagte ich der leitenden Psychologin in einem Einzelgespräch:

»Ich finde es nicht in Ordnung, dass ich bei jeder Vorstellungsrunde diese furchtbare und entwürdigende Diagnose aussprechen soll und sie darauf bestehen, wenn ich das nicht tun will. Haben Sie sich mal die Frage gestellt, was die anderen Patienten über mich denken? Wie sie mit mir umgehen, wenn sie hören, dass ich eine gestörte, selbstunsichere und zwanghafte Persönlichkeit bin? Sie verpassen mir einen Stempel, ein Etikett und das führt dazu, dass ich anfange mich damit zu identifizieren und andere Patienten mir aus dem Weg gehen. Ich werde das nicht mehr sagen, es ist mir egal, ob Sie darauf bestehen. Sie nehmen mir meine Menschenwürde. Ich bin nicht gestört, ich bin krank, das ist ein großer Unterschied. «

Sie erwiderte: »Wie wollen Sie Ihre Probleme in den Griff bekommen, wenn Sie diese leugnen? Sie sind unsicher und fühlen sich von anderen abgelehnt oder zurückgewiesen. Das wird sich nicht ändern, wenn Sie nicht dazu bereit sind, das zu akzeptieren.«

Ich sagte: »Mir geht es um die Formulierung, die ich entwürdigend finde. Um meine Probleme zu erkennen und zu akzeptieren, brauche ich mich nicht mit einer diagnostischen Bezeichnung zu identifizieren, die mir suggeriert, das ich eine gestörte, zwanghafte Persönlichkeit wäre, das macht es doch nur noch schlimmer und trägt sicher nicht dazu bei, meine Probleme anzunehmen und daran zu arbeiten. Wie würden Sie sich fühlen, wenn ich zu Ihnen sage, Sie sind eine narzisstisch gestörte Persönlichkeit?«

Sie sagte gereizt: »Wenn Sie nicht bereit sind hier mitzuarbeiten und sich auf die Therapie einzulassen, dann wird sich an Ihren Problemen nichts ändern.«

Ich fragte sie: »Was hat das eine, mit dem anderen zu tun? Ich möchte lediglich diese Formulierung nicht mehr sagen müssen.«

Sie sagte: »Ich denke, für heute reicht das. Wir sehen uns morgen zur Vorstellungsrunde. Ich hoffe, Sie sind bereit sich auf die Therapie einzulassen.«

Sie war meiner Frage ausgewichen, offenbar hatte sie darauf keine Antwort.

Nachdem ich mich auch die nächsten zwei Wochen geweigert hatte meine Diagnose in der Vorstellungsrunde so zu benennen, wie sie das sollte, kam es zu einem weiteren Einzelgespräch.

Die leitende Psychologin warf mir vor: »Herr Hüfner, ich sehe nicht, dass Sie dazu bereit sind, sich auf die Therapie hier einzulassen. Ich kann Ihnen noch eine Alternative vorschlagen, eine stationäre Rehabilitation in einer psychosomatischen Klinik, vielleicht fällt es Ihnen dort leichter. Sie haben die Wahl.«

Ich überlegte kurz und sagte: »In Ordnung, dann probiere ich die Reha.«

In der Reha wurde das Thema der unterschiedlichen »Persönlichkeitsstörungen« auch in Vortragsreihen erklärt. Der Therapeut sprach allerdings von »unterschiedlich stark ausgeprägten Persönlichkeitsstilen«, die je nach stärke der Ausprägung zu Problemen führen können.

»Stil«, dachte ich, »das hört sich doch schon viel humaner an. Ich bin keine gestörte Persönlichkeit, ich habe einfach Stil.«

Was für einen großen Unterschied es doch macht, wenn man eine andere Bezeichnung wählt, von einer Störung zu einem Stil. Von da an, habe ich mich nie wieder als »gestörte, zwanghafte Persönlichkeit« gesehen und es viel mir sehr viel leichter zu akzeptieren, das ich im Umgang mit Menschen und ganz besonders mit dem weiblichen Geschlecht sehr unsicher bin und die Angst vor Ablehnung oder Zurückweisung bei mir eben stärker als normal ausgeprägt ist. Die Diagnose »Persönlichkeitsstörung« verwendet nur ein Arzt, um z.B. für eine Überweisung zu einem Psychiater oder zur Einweisung in eine Psychiatrie oder psychosomatische Klinik.

Endlich sprach einer aus, was ich mir schon die ganze Zeit gedacht hatte, dass »Positiv Denken« nicht wirklich funktionierte und sogar zu noch mehr Leid führen konnte.

Als ich wieder in der Tagesklinik war, ging es mir zunächst deutlich besser. Zum Glück war die damalige leitende Psychologin jetzt nicht mehr da und mit der Neuen verstand ich mich von Anfang an sehr gut. Sie war sehr attraktiv und jünger als ich, was das Ganze nicht leichter machte, andererseits war es ein gutes Übungsfeld. Die Albträume hörten auf und ich hatte wieder einen geregelten Tagesablauf. Schon bald fühlte ich mich in der Gruppe gut aufgenommen.

Gegen die Panikattacken wurde mir Lorazepam (Tavor) mit 1-2 mg pro Tag als Bedarf verschrieben Es erfolgte keine Aufklärung über Risiken und Nebenwirkungen dieser Medikamente, obwohl Ärzte bei Verschreibung von Medikamenten dazu verpflichtet sind. Das gilt auch dann, wenn mögliche Risiken und Nebenwirkungen bereits im Beipackzettel erwähnt werden. Dies hat der BGH (Bundesgerichtshof) in einem Urteil (Az. VI ZR 289/03) so entschieden.

Ich nutzte diese Zeit, um endlich mit dem Buch von Russ Harris »Wer dem Glück hinterherrennt, läuft daran vorbei – ein Umdenkbuch«, das mir meine Therapeutin aus der ambulanten Psychotherapie empfohlen hatte anzufangen. Ich hatte beim Lesen so viele Aha-Effekte, wie in keinem anderen Buch zuvor, vor allem weil ich mich in vielem bestätigt fand.

Endlich sprach einer aus, was ich mir schon die ganze Zeit gedacht hatte, dass »Positiv Denken« nicht wirklich funktionierte und sogar zu noch mehr Leid führen konnte.

Pastellmalerei: »Sonnenuntergang in Afrika«, März 2011 | © mh

»Sonnenuntergang in Afrika« © mh März 2011 | Bild kommentieren/teilen

Die ganze Zeit über hatte ich geglaubt, ich sei einfach zu blöd dafür oder nicht dazu in der Lage meine negativen Gedanken durch positive zu ersetzen. Das frustrierte mich zunehmend und ich verzweifelte regelrecht daran. Jahrelang hatte ich mich in der Therapie mit meinen Gedanken auseinandergesetzt, sie analysiert, auf Wahrheit überprüft und sie in Frage gestellt. Jetzt war das alles nicht mehr notwendig. In der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT), um die es in diesem Buch geht, wird ein Gedanke nur danach bewertet, ob er hilfreich ist ein zufriedenes und erfülltes Leben zu schaffen oder nicht.

In der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (kurz ACT), um die es in diesem Buch geht, wird ein Gedanke nur danach bewertet, ob er hilfreich ist ein zufriedenes und erfülltes Leben zu schaffen oder nicht.

Ist er hilfreich, so lohnt es sich diesen Gedanken genauer zu betrachten, ist er es nicht, lernt man ihn durch verschiedene Techniken zu entschärfen.1

Das hörte sich für mich das erste Mal logisch an, denn es ist unmöglich, unsere Gedanken zu stoppen. Wir können nicht Nichts denken. Selbst einem erfahrenen Zen-Meister gelingt dies nur für wenige Minuten. Harris erklärt das über einen sehr schönen Vergleich. Er sagt, dass unsere Gedanken wie ein im Hintergrund laufender Radiosender wären, den man nicht abschalten könne. Wir haben aber die Wahl, ob wir dem Radiosender zuhören oder nicht. Denn dieser Radiosender spielt meistens einen Strom von negativen Gedanken, die uns stark beeinflussen können. Er nennt diesen Sender »Radio Ojemine«. Würde man nun versuchen die negativen Gedanken durch positive zu ersetzen, dann wäre dies in etwa so, als würde man einen zweiten Radiosender einschalten. Er nennt diesen Sender »Radio Sonnenschein«. Plötzlich wird man also von zwei Radiosendern beschallt. »Radio Sonnenschein« versucht »Radio Ojemine« zu übertönen und man versteht am Ende gar nichts mehr.2

Eine niederschmetternde Liste

Samstag, 05. März 2011
Medikation: 60 mg Paroxetin | 30 mg Mirtazapin

Es gibt da zu Beginn des Buches eine wertvolle Übung. Harris bittet den Leser eine Liste anzulegen, auf der er alles aufführen soll, was er jemals getan hat, um seine unliebsamen Gedanken und Gefühle loszuwerden.3 Als ob das nicht schon frustrierend genug wäre, bittet er den Leser die Liste durchzugehen und sich bei jedem Punkt zu fragen:

  • Bin ich damit langfristig meine schmerzlichen Gedanken und Gefühle losgeworden?
  • Was hat mich das an Zeit, Energie, Geld, Gesundheit, Beziehung und Vitalität gekostet?
  • Hat es mich einem reichen, erfüllten und sinnvollen Leben näher gebracht?

Mein Ergebnis war vollkommen niederschmetternd und deprimierend. Ich hatte alles, aber auch wirklich alles investiert, was ich konnte, um meine Ziele zu erreichen. Ich hatte tatsächlich sogar mehr gegeben, als ich eigentlich hatte und lange bin ich über meine Grenzen hinausgegangen. Damit hatte ich mir großen Schaden zugefügt. Soviel Aufwand und so wenig Ertrag. Diese Liste anzulegen war eine wichtige Erfahrung und ohne diese Erfahrung hätte ich womöglich versucht so weiter zu machen wie bisher.

Als ich aber schwarz auf weiß lesen konnte, was mir das gebracht hatte, war ich bereit mit dem Umdenken anzufangen. Die Liste hängt heute noch an meiner Pinnwand an meinem Schreibtisch und ich kann jetzt, da ich diese Worte schreibe, einen Blick darauf werfen. Diese Liste motiviert mich, mit dem Umdenken und den nun eingeschlagenen Weg fortzufahren. Im Folgenden ein kurzer Auszug:

  • 7 Jahre ambulante Verhaltenstherapie
  • 4 x Tagesklinik, 2 x Psychiatrie, 3 x Reha
  • Energetische Klopftechniken
  • Selbsthilfebücher gelesen
  • Ablenkung bis zur Konditionierung
  • Betäuben mit Alkohol, Drogen und Medikamenten
  • Mich kritisieren, runtermachen, selbstverletzen
  • Vermeidung von Konzerten, Reisen, Ausgehen, Sport, sozialen Kontakten, Frauen ansprechen

Fussnoten:
1. Paroxetin: SSRI-Antidepressivum, Mirtazapin: Tetrazyklisches Antidepressivum (älteres Antidepressivum)

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