Wenn Du durch die Hölle gehst …

InhaltVorwortÜber den AutorAnhang

Wenn Du durch die Hölle gehst …

Wenn Du durch die Hölle gehst, dann geh weiter Winston Churchill

20. Juni 2012
Medikation: 40 mg Paroxetin | 25 mg Promethazin

Als der zweite Entzug so richtig begann, dachte ich noch: »Das kann wohl kaum schlimmer werden, als der erste Entzug.«

Seit dem weiß ich, schlimmer geht immer!

Das genannte Zitat des ehemaligen britischen Premierministers, Winston Churchill, wurde von da an mein Leitmotiv für den Entzug. Es steht auch heute noch als Karte auf meinem Schreibtisch und soll mich täglich motivieren, egal wie schlimm es auch gerade ist oder noch werden wird, nicht aufzugeben und weiter durchzuhalten, um eines Tages vollkommen frei von Psychopharmaka zu sein und mein Leben wieder zurückzugewinnen, das mir die Psychopharmaka bis heute »gestohlen« haben und noch immer »stehlen«.

Es ist schwer zu beschreiben, was ich die nächsten Monate erlebte. Die Eintragungen im Tagebuch sind sehr spärlich, häufig steht einfach nur das Wort »Krise«, mit einer zunehmenden Anzahl von Ausrufezeichen und immer größer und fetter geschrieben auf vielen Seiten. Irgendwann gingen mir die Superlative aus. Es gab einfach keine Worte mehr, die diesen Horrortrip hätten wiedergeben können. An zahlreiche Symptome des ersten Entzuges hatte ich mich bereits gewöhnt. Diese waren nie weggegangen. Selbst als ich wieder Benzodiazepine einnahm. Sie hatten sich manifestiert, machten mir aber keine Angst mehr.

Dann nahmen diese Entzugssymptome in ihrer Intensität stark zu. Ich versuchte, mich zu beruhigen.

Ich sagte zu mir: »Alles okay, nichts, was du nicht kennst nur eben stärker, als bisher.«

Mein Verstand hielt dagegen: »Das wird noch schlimmer werden, warts ab!«

Ich versuchte ihn zu ignorieren, aber er plapperte einfach weiter. Ich hoffte vor allem, das keine neuen Entzugssymptome dazu kämen, wie Halluzinationen oder Stimmen hören, was mögliche Entzugssymptome sind, von denen ich bisher verschont geblieben war. Der Verstand kann gnadenlos sein, wenn es darum geht, solch negative Szenarien heraufzubeschwören, bis sie schließlich zur »selbsterfüllenden Prophezeiung« werden.

Nach etwa 10 Tagen Abstinenz, litt ich unter extremer Reizüberflutung meiner Sinne: Hören, Sehen, Spüren, alles war völlig überdreht, so als ob man an der Stereoanlage die Lautstärke, Bässe, Tiefen und Höhen bis zum Anschlag aufgedreht hätte und alles im roten Bereich war und sich nichts mehr unterscheiden ließe. Außerdem war ich extrem schreckhaft und zuckte bei jedem lauten Geräusch zusammen. Mein Gehirn war völlig überfordert mit dieser Flut an Reizen, die ununterbrochen auf es einstürmten.

Phänomene, wie die Derealisation, bei der einem die Umwelt völlig verschwommen und unwirklich erscheint, kannte ich bereits vom ersten Entzug.

Während die Stille der Nacht anbrach, spürte ich die körperlichen Entzugssymptome, die ich den ganzen Tag durch das PC-Spielen unterdrückt hatte, immer intensiver.

Wie beim letzten Mal auch, fing ich zur Ablenkung wieder mit dem PC zocken an, mehrere Stunden täglich. Das lenkte mich so sehr ab, das ich die Entzugssymptome kaum wahrnahm. Trotzdem verstärkte das PC-Spielen die Entzugssymptome weiter.

Das spürte ich besonders, wenn ich zu Bett ging und die Stille der Nacht anbrach. Während alles um mich rum ruhig wurde, spürte ich die körperlichen Entzugssymptome schon nach wenigen Minuten immer intensiver. Mit extremer Muskelanspannung lag ich steif wie ein Brett da. Dann fing der Tinnitus in den Ohren an laut zu dröhnen und zu pfeifen, was mich an frühere und schöne Zeiten erinnerte, als wir jedes Wochenende in Frankfurt durch die Clubs zogen und früh bis in den Morgen bei lauten Beats tanzten. Da dröhnten die Ohren auch den ganzen nächsten Tag noch. Jetzt nervte es einfach nur noch und hinderte mich am einschlafen, genauso wie die eiskalten Schauer, die den ganzen Körper wie Wellen durchfluteten. Ein »Gänsehautgefühl« kennt sicher jeder. Jetzt stellen Sie sich vor, das hört nicht nach wenigen Sekunden auf, wie es normal wäre, sondern hält an, ist einfach ständig da. Dazu kam extremes Kribbeln in Armen und Beinen (treffend als »Ameisenlaufen« in Fachbüchern bezeichnet).

Ich versuchte irgenwie zur Ruhe zu kommen, was schwierig ist, wenn man beim kleinsten Geräusch hochschreckt und das Herz plötzlich wie wild zu pochen anfängt, der Puls bis unter die Decke jagt und eine »Panikattacke« dich überrollt.

22. Juni 2012
Medikation: 40 mg Paroxetin | 25 mg Promethazin

Zwei Tage später machte sich ein beängstigendes Taubheitsgefühl in meinen Beinen bemerkbar. Es fühlte sich so an, wie eine betäubte Unterlippe nach einer Spritze beim Zahnarzt. Ich konnte mir stark in den Oberschenkel kneifen und fühlte keinen Schmerz. »Na großartig«, dachte ich, »scheint so, als ob sich mein Wunsch meinen Körper mal nicht so intensiv wahrzunehmen, erfüllen würde, allerdings war nie die Rede von gar nicht mehr spüren«. Ich hoffte, es würde sich nicht weiter ausbreiten. Die Symptome hielten 5 Tage an, vielleicht auch länger. Ich nahm mir vor, mich nicht mehr zu kneifen, um mich nicht noch mehr verrückt zu machen.

Tagebuch:

Auf dem Bett gelegen, festgestellt, dass meine Schmerzempfindlichkeit herabgesetzt ist, Taubheitsgefühl im ganzen Körper!!!

»Es ist vollkommen ausgeschlossen, dass sie nach 6 Monaten noch Entzugssymptome haben, die bilden Sie sich nur ein.«

Immer wenn ein neues Symptom auftauchte, sagte ich zu mir:

»Das ist nur der Entzug, nichts, das bleibt. Es geht irgendwann wieder weg«.

Irgendwann? Genau, das war mein größtes Problem damit, wann war irgendwann und gab es wirklich ein irgendwann?

Mein Kopf kommentierte das natürlich wieder alles auf seine eigene negative und destruktive Art. Der häufigste Gedanke, den er mir eintrichterte war:

»Das geht nie wieder weg, Du wirst den Rest Deines Lebens damit leben müssen.«

Es war schwer, dem keinen Glauben zu schenken, wenn wie zur Bestätigung dieser Gedanken, sich das eine oder andere Symptom plötzlich extrem verstärkte, ein neues auftauchte und blieb oder nach einigen Tagen wieder verschwand.

Leider gehören diese Symptomschwankungen zu den typischen Merkmalen eines Benzodiazepin-Entzuges und selbst wenn ein Symptom eine ganze Zeit lang nicht mehr da war, kann es plötzlich wieder auftauchen, wie ein ungeliebter Gast. Manche Experten sagen, diese Symptomschwankungen wären ein gutes Zeichen dafür, dass der Entzug dem Ende zu geht. Ich schätze mal, dass steht in einem schlauen Buch, dass Ärzte konsultieren (die so etwas selbst noch nie erlebt haben), vermutlich dasselbe Buch in dem auch steht, dass Entzugssymptome nicht länger als 6 Monate anhalten. Einem Psychiater dann zu erklären, man habe nach 6 Monaten noch immer Entzugssymptome ist völlig sinnlos (Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, dies mehr als einmal zu erleben). Die Antwort der Psychiater war häufig: »Es ist vollkommen ausgeschlossen, dass sie nach 6 Monaten noch Entzugssymptome haben, die bilden Sie sich nur ein.«

Einbilden, ja genau, so wie sich Psychiater einbilden Arzt zu sein und körperliche Krankheiten (des Gehirns) zu behandeln, statt psychische Probleme. Logisch, dass man dann versucht diese wie körperliche Krankheiten zu heilen: durch Medikamente, statt durch Psychotherapie. Die Anatomie eines Menschen ist weitestgehend gleich (abgesehen von den anatomischen Unterschieden zwischen Mann und Frau) und wissenschaftlich gründlich erforscht.

Das Gehirn ist dagegen sehr individuell und viel komplexer, als bisher gedacht. Die Wissenschaft hat noch nicht annähernd verstanden, wie es tatsächlich funktioniert, auch wenn man gerade große Fortschritte macht. Entzugssymptome fallen daher sehr unterschiedlich aus: Manche haben nur wenige, manche sehr viele, bei manchen halten sie nur kurz an, bei anderen lange, auch länger als 6 Monate ist nicht ungewöhnlich (dann spricht man von protrahierten Entzugssymptomen). Das von Anfang an auszuschließen ist inkompetent und arrogant. Die Aussage, man würde es sich nur einbilden, ist darüber hinaus verletzend. Ich hatte leider oft das Gefühl, dass die Ärzte, mit denen ich es zu tun hatte, meine Probleme nicht ernst nahmen.

Ich frage mich, was in den Köpfen von Psychiatern vor sich geht, wenn sie solche Dinge sagen?

Eine Bekannte von mir wurde als Kind missbraucht. Sie war schon bei einigen Psychiatern und bei jedem neuen Psychiater muss man natürlich seine Geschichte wieder erzählen, allein das ist schon schlimm genug.

Einer sagte zu ihr: »Sind sie sicher? Das ist ja gerade so eine Modeerscheinung!«

Ich dachte: »Das kann doch nicht wahr sein«, als sie mir das erzählte. »Wie kann man als qualifizierter Arzt für psychische Störungen sagen, dass Missbrauch eine Modeerscheinung ist?«

Ich wäre am liebsten zu ihm gefahren und hätte ihn kräftig durchgeschüttelt, bis er zur Erkenntnis gekommen wäre, dass das verletzend und falsch war. Ich befürchte, da hätte ich ihn bis in alle Ewigkeit durchschütteln können und er hätte es trotzdem nicht erkannt. Gerade für Missbrauchsopfer ist es extrem schwer, sich selbst klar zu machen, dass der Missbrauch tatsächlich stattgefunden hat und nicht ihrer Fantasie entsprungen ist, denn dieses Argument trichtert ihnen derjenige immer wieder ein, der sie missbraucht hat, besonders, wenn es ein Familienmitglied ist. Ein Therapeut hatte sehr lange gebraucht, bis sie sich eingestehen konnte, dass es tatsächlich passiert war und ein Psychiater macht mit einem Satz wieder alles zu Nichte und sie zweifelt wieder daran. Das machte mich extrem wütend.

Als ich das erste Mal bei einem Psychiater war, verschrieb der mir Trevilor, ein Antidepressivum.

Er sagte zu mir: »Die können Sie problemlos nehmen, die sind sehr gut verträglich.«

Er verschrieb mir die übliche Dosis und sagte ich könne damit gleich einsteigen. Ich nahm also eine ganze Trevilor und hatte den restlichen Tag furchtbare Magenkrämpfe, Übelkeit und Sodbrennen. Ich rief am nächsten Tag an und teilte das mit.

Er meinte dazu: »Das geht nach einer Woche weg, da müssen Sie jetzt mal durch!«

Ich quälte mich eine Woche durch, überwiegend im Bett liegend, da mir so schwindelig war, das jede Kopfbewegung heftige Übelkeit auslöste. Nach einer Woche wurde es nicht besser, ich rief wieder an.

Er sagte lapidar: »Das kann nicht sein, das hatte ich bisher noch nicht, nehmen Sie es weiter, das geht vorbei!«

Ich beschloss, es nicht weiterzunehmen. Es kommt einer Körperverletzung gleich, als Arzt einen Patienten, ohne nachzudenken ein Antidepressivum zu geben, ohne es langsam einzuschleichen.

Da fehlt es an Wissen, an der Bereitschaft sich weiterzubilden, an Einfühlungsvermögen und sozialer Kompetenz. Es fehlt vor allem aber auch daran, die Behandlungsmethoden zu hinterfragen, sich selbst zu reflektieren.

Ein Psychiater ist, wie jeder Arzt dazu verpflichtet einen Patienten über Nebenwirkungen und Risiken von Psychopharmaka aufzuklären.

Ärzte werden oft als Götter in weiß bezeichnet. Ich denke, für Psychiater gilt das ganz besonders: Sie werden von richtigen Ärzten oft belächelt und nicht ernst genommen, weil ihr Fachgebiet aus Interpretationen, Meinungen und Vermutungen besteht und nicht aus wissenschaftlichen Fakten.

Es ist erschütternd, dass ich in meiner langen psychiatrischen Geschichte nur wenige Psychiater hatte, die ihrem Beruf gerecht wurden.

05. Juli 2012
Medikation: 40 mg Paroxetin | 25 mg Promethazin

Als Nächstes jagten Stromstöße durch den Körper und plötzliche Zuckungen von Armen oder Beinen traten auf. Dabei schlug ich mir öfters im Schlaf selbst ins Gesicht oder trat gegen den Heizkörper neben meinem Bett, was sehr schmerzvoll war. Dazu kam eine starke innere Unruhe, das Gefühl, aus meiner Haut fahren zu wollen und irgendwas tun zu müssen, damit es aufhörte. Die permanente Anspannung der Muskeln, häufige Panikattacken und Albträume führten schließlich irgendwann zu einem Gefühl der Ohnmacht, nichts machen zu können, außer alles über mich ergehen zu lassen.

Ich ertrug es einfach nicht mehr, war verzweifelt und das sollte jetzt noch Monate so weitergehen?

Nur die wöchentlichen Infusionen und das Gespräch mit meiner Heilpraktikerin gaben mir etwas Halt. Auch die Akupunktur tat mir gut, ich kam dabei ein wenig zur Ruhe und nutzte die Zeit, um einen Body-Scan zu machen, eine Achtsamkeitsübung, bei der es darum geht, die Aufmerksamkeit auf verschiedene Bereiche des Körpers zu richten und zu beobachten, was dort zu spüren ist, um es so anzunehmen, wie es jetzt gerade ist. Das half mir die Entzugssymptome als Entzugssymptome wahrzunehmen und sie erschienen nicht mehr so Angst einflößend.

Ich holte sie so aus dem Dunkel ins Licht und konnte sie mit Neugier betrachten.

Dinge machen uns häufig deshalb Angst, weil Sie nicht sichtbar sind, holt man sie ins Licht, erscheinen sie gar nicht mehr so bedrohlich.

Tagebuch:

Neue Entzugssymptome, Stromstöße, Zuckungen durch Körper. Notfallgespräch mit Heilpraktikerin. Geplant wieder in die TK zu gehen, Depression hat sich extrem verschlimmert

10. Juli 2012
Medikation: 40 mg Paroxetin | 25 mg Promethazin

Tagebuch:

KRISE!!!
TK angerufen und deutlich gemacht, dass eine erneute Aufnahme notwendig ist, mit Nachdruck!

Irgendetwas musste ich tun, um diesem Gefühl der Ohnmacht zu entkommen.

25. Juli 2012
Medikation: 40 mg Paroxetin | 25 mg Promethazin

Zu den Auflagen für die Genehmigung der ambulanten ACT-Therapie gehörte auch eine mehrmonatige teilstationäre oder stationäre Entwöhnungstherapie. Ich hatte mich dazu entschieden, diese bei der Caritas vor Ort teilstationär zu machen. Dazu musste ich einen Suchtverlauf erstellen und Fragebögen ausfüllen. Das brachte die ganze Geschichte des traumatischen ersten Entzuges wieder hervor. Ich brauchte den ganzen Tag dafür. In der darauffolgenden Nacht hatte ich einen schlimmen Albtraum über den Entzug in der Psychiatrie.

Ich lag fixiert an Armen und Beinen auf einer Liege. Ich starrte zur Decke, alles erschien blendend weiß und unscharf. Langsam erkannte ich verschwommene Gesichter, die auf mich herunterstarrten. Gestalten in weißen Kitteln standen rund um die Liege. Ich schrie laut auf, zerrte an meinen Fesseln, versuchte mich davon loszureißen. Dann schrie ich die Gestalten an, dass sie mir helfen sollten, mir etwas zur Beruhigung geben sollten und mich losbinden sollten. Schließlich erkannte ich die Gestalten, es waren Ärzte, Pfleger und Psychologen der Station und wie im Chor riefen Sie: »Das müssen Sie aushalten!« während sie mich neugierig anstarrten, als wäre ich ein Versuchsobjekt. Ich zerrte immer heftiger an den Fesseln, sie lösten sich und ich fiel… aus dem Bett.

Ein stechender Schmerz fuhr durch meinen linken Unterarm. Schlagartig war ich wach und fand mich auf dem Fußboden neben meinem Bett wieder. Es dauerte eine Weile, bis mir klar wurde, was passiert war. Ich war im Traum aus dem Bett gesprungen und hatte mir dabei den linken Arm am Nachttisch angeschlagen. Ich rappelte mich auf und setzte mich aufs Bett. Es war alles so irre real gewesen. Meine Ohren klingelten vom Tinnitus und ich hatte heftige Derealisationserscheinungen, der ganze Raum war verschwommen, völlig surreal und ich hatte minutenlang Gänsehaut am ganzen Körper. Ich spürte die Panik in mir aufsteigen und Ohnmacht, immer wieder diese Ohnmacht. Ich saß noch eine ganze Weile auf dem Fußboden, wie erstarrt, unfähig mich zu bewegen, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen.

Tagebuch:

KRISE!!! Albtraum, aus dem Bett gesprungen, Ellenbogen angeschlagen.

4 std. gespielt

26. Juli 2012
Medikation: 40 mg Paroxetin | 25 mg Promethazin

Am nächsten Tag musste ich zu meinem Hausarzt zum Drogenscreening. Der Test verlief negativ, alles in Ordnung. Ich war jetzt seit mehr als zehn Tagen abstinent. Ich fragte mich, wie viele Tage ich wohl noch vor mir hatte und wie viele Albträume ich noch durchleben müsste?

Tagebuch:

Drogenscreening Hausarzt

3std. gespielt

08. August 2012
Medikation: 40 mg Paroxetin | 25 mg Promethazin

Das ging die nächsten Tage so weiter, vor allem die grausamen Albträume häuften sich sogar noch. Zwei bis drei Mal in der Woche erwachte ich mit Panik. Irgendetwas musste ich tun, um diesem Gefühl der Ohnmacht zu entkommen, ihr nicht länger hilflos ausgeliefert zu sein. Ich rief wieder die Tagesklinik an und bat um Aufnahme. Die Aufnahme wurde von der Oberärztin abgelehnt.

Begründung: Es gäbe keine Indikation.

Keine Indikation?

Was braucht es denn noch mehr als eine Depression und schlimmste Entzugssymptome?

Was musste passieren, dass man die Sache ernst nahm und mir Hilfe anbot?

Ich hätte mit einem Strick um den Hals auftauchen sollen und sagen sollen: »Guten Tag, ich glaube es geht mir nicht so gut, können Sie mir helfen?«

Ich war so wütend. Ich schrieb einen Brief an meine Krankenkasse. Ich berichtete über das Trauma durch den fehlerhaften ersten Entzug und dass die Tagesklinik mir die dringend notwendige Aufnahme verweigerte. Ich bat die Krankenkasse, sich dafür einzusetzen, wieder aufgenommen zu werden. Der Brief löste Trotz in mir aus, es kam wieder alles hoch, zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage durchlebte ich das Trauma beim Schreiben. Die ständigen Albträume, die Entzugssymptome, all das hatte ich bisher stoisch ertragen, jetzt war es zu viel, es reichte.

Zeit etwas dagegen zu tun und nicht länger alles als gegeben hinzunehmen. Die nächsten Tage recherchierte ich im Internet über Behandlungsfehler. Dabei stieß ich auf die »Unabhängige Patientenberatungsstelle (UPD)«, eine gemeinnützige Organisation, die sich für die Rechte von Patienten einsetzte. Die UPD gibt es auch heute noch, leider ist sie nicht mehr gemeinnützig und unabhängig. Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung ist dafür verantwortlich, dass die Zulassung an einen privaten Investor vergeben wurde, der auch gleichzeitig Krankenkassen, Ärzte und Kliniken dabei berät, wie man sich gegen Klagen von Patienten schützen kann. Hört sich wie ein Widerspruch an, oder? Trotzdem betont der Investor, es gäbe keinen Interessenkonflikt, ein typisches Beispiel für Lobbyismus.

Damals wurde mir ein kostenloser Beratungsschein für ein Vorgespräch bei einem Anwalt für Medizinrecht zur Verfügung gestellt, das gibt es heute auch nicht mehr. Die UPD teilte mir auch mit, dass ich das Recht hätte, die vollständigen Patientenunterlagen der Klinik einzusehen. Ich zögerte, ich wollte nicht noch mehr Probleme bekommen und mir die Chance wieder in die TK aufgenommen zu werden nicht endgültig verbauen.

Tagebuch:

KRISE! Brief an DAK über Trauma auf P4 u. daraus resultierenden gesundheitlichen Schäden.

In der folgenden Nacht hatte ich wieder einen Horror-Albtraum über die Psychiatrie. Dieses Mal sprang ich auf der anderen Seite aus dem Bett und prallte an den Heizkörper. Ich hatte Glück, außer ein paar Prellungen und Schürfwunden war nichts Schlimmeres passiert. Ich fluchte laut:

»Scheiße, es reicht!«

Ich ging an den PC, füllte den Beratungsschein für den Anwalt aus und vereinbarte einen Termin. Außerdem forderte ich die Patientenunterlagen der Klinik an. Wo ich schon dabei war, schrieb ich auch noch einen Brief an die Klinikleitung und bat darum, mir die erneute Aufnahme in die Tagesklinik nicht länger zu verweigern.

Um Schlimmeres zu vermeiden, polsterte ich den Heizkörper mit einer Matratze ab und legte links und rechts vom Bett weitere Polster und Kissen auf den Boden. Eines meiner Bilder hing über dem Bett und ich nahm es vorsichtshalber ab, damit es mir nicht auf den Kopf fallen konnte, wenn ich im Schlaf wild um mich schlug und trat.

Tagebuch:

KRISE nach Albtraum Psychiatrie!
Brief an unabhängige Patientenberatungsstelle verfasst um Schmerzensgeld zu erhalten.

2 std. gespielt

… wird fortgesetzt

InhaltVorwortÜber den AutorAnhang

Veröffentlicht von

Mein Name ist Markus Hüfner. Ich bin Blogger, Webdesigner und kreativer Querdenker. In diesem Blog schreibe ich über die Heilkraft der buddhistischen Psychologie. Ich gebe wertvolle Tipps über das Absetzen von Benzodiazepinen und zeige einen erfolgreichen Weg aus der Benzo-Falle durch das A.B.S.-Konzept »