Die lustige Stimme

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Die lustige Stimme

Montag, 11. April 2011
Medikation: 50 mg Paroxetin | 300 mg Quetiapin | 0,5-0-0,5-0 mg Tavor 1

Bereits 4 Tage, nachdem das Tavor fest angesetzt wurde, begann die Entgiftung davon. In der Visite bat ich darum, im Anschluss an die Behandlung wieder zurück in die Tagesklinik gehen zu dürfen. Das wurde abgelehnt. Man teilte mir mit, die Behandlung dort sei abgeschlossen und ich solle mich stattdessen um eine ambulante Therapie kümmern.

»Stonehenge, prähistorische Heilstätte«, © mh April 2011

»Stonehenge, prähistorische Heilstätte«, © mh April 2011 | Bild kommentieren/teilen

In den letzten Tagen hatte ich mich intensiv mit den Entschärfungstechniken aus dem Buch von Russ Harris beschäftigt und einige davon ausprobiert. Eine davon gefiel mir besonders gut. Ich sollte dabei meine schmerzvollen Gedanken mit einer lustigen Stimme sprechen lassen oder auch singen lassen.7 Ich probierte das zunächst mit der Stimme von Dobby, dem Hauselfen aus den Harry-Potter-Romanen. Der hat so eine piepsige hohe Stimme. Um den ganzen noch etwas Nachdruck zu verleihen, hängte ich an das Satzende ein lang gezogenes und demütig klingendes »Ssssir« an, wie es Dobby bei einer tiefen Verbeugung tut. Das funktionierte tatsächlich, es nahm den Gedanken diese Macht über mich. Ich erkannte, dass es nur Gedanken in meinem Kopf waren.

Später probierte ich noch die Variante mit dem Singen. Dabei viel mir spontan »Life of Brian« ein, ein Film der Monty Pythons, einer weltberühmten englischen Komikertruppe. Ich stellte mir die Szene vor, als Brian, der irrtümlich für Jesus gehalten wurde am Kreuz hing und ein Mitgekreuzigter anfing zu singen »Always look on the bride side of life« und fröhlich dazu pfiff, bis alle mitsangen und pfiffen. Das ist sehr makaber, aber es passte zu meinem schwarzen Humor und ich fand es stimmig.

Wichtig bei diesen Techniken ist, dass man etwas benutzt, das wirklich zu einem passt und nicht beleidigend ist oder die Gedanken lächerlich macht. Es soll schließlich nur dazu führen, die Gedanken als Wörter und Bilder im Kopf zu erkennen und ihnen so ihre Macht nehmen. Etwas Humor kann da hilfreich sein. Eine einfache Entschärfung ist jedem schwierigen Gedanken die Wörter »Ich habe den Gedanken, das … « voranzustellen und mit »Danke, Verstand, dass du mich darauf aufmerksam machst« abzuschließen.8 Ein solcher Gedanke könnte dann lauten »Ich habe den Gedanken, dass ich eine Panikattacke bekomme. Danke Verstand, dass du mich darauf aufmerksam machst.«

Tagebuch:

Entschärfung geübt, Achtsamkeitsgruppe mit Klangschalen gearbeitet, PME, mit Mitpatient gepuzzelt.

Werte: Bereitwilligkeit, Achtsamkeit, Freude.

Freitag, 15. April 2011
Medikation: 50 mg Paroxetin | 300 mg Quetiapin | 0,5-0-0,5-0 mg Tavor

Tagebuch:

Entschärfung, Achtsamkeit, Besuch aus der TK, wurde zum Freitags-Café in die TK eingeladen. Habe mich sehr darüber gefreut.

Werte: Bereitwilligkeit, Achtsamkeit, Freude, Unterhaltung, Freundschaft.

Ich war das reinste Nervenbündel.

Montag, 18. April 2011
Medikation: 50 mg Paroxetin | 300 mg Quetiapin | 0,5-0-0-0 mg Tavor

Die nächste Reduktion von Tavor erfolgte am 18. April 2011. Ich war gerade das Wochenende über zu Hause gewesen zur Belastungserprobung, wie man das so schön nennt. Ich hatte mich die meiste Zeit von den Entzugssymptomen durch PC-Spielen und Fernsehen abgelenkt. Da die Zeit zwischen der Morgen- und Abendgabe sehr lang war, kam es auch weiterhin zu Panikanfällen.

Mit der erneuten Reduzierung manifestierten sich einige der neuen Entzugssymptome. Vor allem die Muskelzuckungen und -krämpfe, das plötzliche Kribbeln in Armen, Händen und Beinen und das ständige Gänsehautgefühl begleiten mich bis zum heutigen Tag. Dazu kamen noch Licht- und Geräuschempfindlichkeit und das extreme Zusammenschrecken bei lauten Geräuschen oder bei Berührungen. Ich war das reinste Nervenbündel. Auch die Derealisation nahm zu. Sogar der Tinnitus wurde stärker.

All diese Symptome lassen sich dadurch erklären, dass Benzodiazepine sich an die Rezeptoren des zentralen Nervensystems andocken, um dort ihre Wirkung zu entfalten. Das zentrale Nervensystem ist neben vielen weiteren Aufgaben auch für unsere Sinneswahrnehmung und körperlichen Empfindungen zuständig. Wenn die Wirkung der Benzodiazepine durch eine Dosisreduktion, Auslassung oder dem sich mit der Zeit einstellenden Toleranzeffekt sinkt, reagiert der Körper darauf.

Mehr dazu finden Sie in der empfehlenswerten Monografie von Professor Ashton, dem »Ashton Manual«. Professor Ashton ist eine der führenden Expertinnen auf dem Gebiet der Benzodiazepine. Sie hat jahrelang eine Entwöhnungsklinik geleitet und verschiedene detaillierte Entwöhnungsschemata entworfen.

Tagebuch:

Ergotherapie: Habe mich an das Stonehenge-Motiv gewagt und es ist richtig gut geworden.

Mit Mitpatientin in der Stadt ein Eis gegessen und im Park gewesen. Obwohl es ziemlich warm ist, habe ich voll die Gänsehaut und friere, Entzugssymptome??? Wir unterhielten uns über das Buch von Russ Harris, das ich Ihr geliehen habe.

Mit Mitpatient gepuzzelt und unterhalten. Wir kennen uns schon von früher aus der Tagesklinik und verstehen uns gut. Bin dankbar, dass er hier ist. Entschärfung praktiziert.

Werte: Achtsamkeit, Unterhaltung, Mitgefühl, Freundschaft, Dankbarkeit, Bereitwilligkeit, Kreativität, Freude.

Fussnoten:
1. Paroxetin: SSRI-Antidepressivum, Quetiapin (Seroquel Prolong): Atypisches Neuroleptikum, Tavor (Lorazepam): Benzodiazepin

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