Übung: Sei wie ein Baum

Lesedauer: 4 Minuten

Die folgende Übung ist aus dem Buch »Wer vor dem Schmerz flieht, wird von ihm eingeholt« von Russ Harris. Sie dauert etwa 3-6 Minuten und ist sehr hilfreich, um sich aus der Verschmelzung mit unseren Gedanken zu befreien, besonders, wenn sich diese Gedanken mal wieder wie die absolute Wahrheit anhören und -fühlen.

Bei Schritt eins »Wurzeln« kannst Du die Füsse ruhig auch etwas fester in den Boden schieben und die Beinmuskulatur anspannen, je nachdem wie stark Du mit Deinen Gedanken verschmolzen bist. Achte aber darauf, dass Du nicht verkrampfst und keine Schmerzen dabei hast.

Übung: »Sei wie ein Baum« (Be like a tree)

Egal, vor welcher Art Realitätskluft wir stehen – einer unheilbaren Krankheit, Untreue, starkem Übergewicht, Trauer, sozialer Isolation oder Arbeitslosigkeit –, es ist immer erforderlich, dass wir handeln. Wollen wir das wirksam tun, so müssen wir uns aus unseren Gedanken herausziehen und mit der Welt, die uns umgibt, verbinden.

Die folgende Übung demonstriert, wie man das anstellt. Ich nenne sie »Sei wie ein Baum« und mache sie mindestens dreimal täglich. Wenn ich sehr gestresst bin, mache ich sie allerdings wesentlich öfter.

Stellen Sie sich einen mächtigen Baum vor. Seine langen Wurzeln reichen tief in den Boden hinein, sein stabiler Stamm wächst aufwärts und seine Äste strecken sich in den Himmel. Lassen Sie sich von diesem Bild inspirieren, während Sie den angegebenen Schritten folgen.

Erster Schritt: Wurzeln

Egal, ob Sie stehen oder sitzen, stellen Sie die Füße fest auf den Boden. Entwickeln Sie ein Gefühl für diesen Boden, der sich unter Ihnen befindet, und drücken Sie die Füße behutsam dagegen. Spüren Sie den Druck des Bodens gegen Ihre Sohlen und die leichte Spannung in Ihren Beinen. Richten Sie die Wirbelsäule auf und lassen Sie die Schultern sinken. Spüren Sie, wie die Schwerkraft an Ihrer Wirbelsäule »hinabströmt« in Ihre Beine und Füße und in den Boden darunter. Es ist, als würden Sie in der Erde Wurzeln schlagen und sich fest »einpflanzen«.

Zweiter Schritt: Stamm

Lenken Sie die Aufmerksamkeit nun langsam von den Wurzeln auf den Stamm, der dem Rumpf Ihres Körpers, bestehend aus Bauch und Brust, entspricht. Nehmen Sie weiterhin wahr, wie die Füße auf dem Boden stehen, konzentrieren Sie sich aber hauptsächlich auf den Rumpf. Setzen Sie sich auf oder stellen Sie sich gerade hin und achten Sie auf die Veränderung der Haltung. Atmen Sie langsam und tief und achten Sie auf das Heben und Senken des Brustkorbs. Nehmen Sie das sanfte Heben der Schultern wahr und die rhythmische Bewegung des Bauchs. Leeren Sie die Lunge vollständig und spüren Sie, wie sie sich von selbst wieder füllt. Dehnen Sie die Wahrnehmung dann aus, sodass sie gleichzeitig den gesamten Rumpf erfasst – Lunge, Brust, Schultern und Bauch. Tun Sie das mindestens zehn Atemzüge lang; falls Sie mehr Zeit haben, können es auch 15 oder 20 Atemzüge sein.

Dritter Schritt: Äste

Wie die Äste eines Baums sich in den Himmel strecken, so strecken Sie sich nun in die Welt hinein, die Sie umgibt. Aktivieren Sie alle fünf Sinne und senden Sie diese in alle Richtungen. Nehmen Sie mit Neugier wahr, was Sie sehen, hören, riechen, schmecken und berühren können. Nehmen Sie weiterhin auch Ihre Wurzeln, Ihren Stamm und den im Hintergrund spürbaren Rhythmus des Atems wahr, richten Sie die Aufmerksamkeit jedoch hauptsächlich auf die Umgebung. Entwickeln Sie ein Gefühl dafür, wo Sie sind und was Sie gerade tun. Riechen und schmecken Sie die Luft, während Sie sie einatmen. Nehmen Sie fünf Dinge wahr, die Sie auf der Haut spüren können, zum Beispiel die Luft auf Ihrem Gesicht, das Hemd auf Ihrem Rücken und die Uhr an Ihrem Handgelenk. Nehmen Sie außerdem fünf Dinge wahr, die Sie sehen können, und achten Sie auf deren Größe, Form, Farbe, Helligkeit und Struktur. Nehmen Sie fünf Dinge wahr, die Sie hören können: die vielfältigen Geräusche der Natur oder der Zivilisation. Widmen Sie sich dann vollständig der Aufgabe, mit der Sie gerade beschäftig sind, und schenken Sie dieser Ihre gesamte Aufmerksamkeit.

Für die Übung »Sei wie ein Baum« brauchen Sie insgesamt etwa drei bis sechs Minuten, je nachdem, wie viele Atemzüge Sie im zweiten Schritt tun. Als Faustregel kann gelten: Je größer Ihr emotionaler Schmerz, desto länger sollte die Übung dauern. Wenn Sie wollen, können Sie die im vorigen Kapitel erläuterte Übung »Eine mitfühlende Hand« integrieren. Legen Sie dazu beim zweiten Schritt der obigen Übung behutsam eine Hand auf Ihren Körper und senden Sie sich Freundlichkeit und Wärme. Das hilft dabei, Mitgefühl für sich selbst in die Übung zu bringen.

Nun haben Sie wahrscheinlich festgestellt, dass Ihr Kopf Sie trotz Ihrer besten Absichten wiederholt aus der Übung gezogen hat; er hat Sie an sich gerissen und entführt, ohne dass Sie das auch nur wahrgenommen hätten. Sollte das nicht geschehen sein, dann hatten Sie entweder Glück oder beherrschen diese Fertigkeit schon gut.

Vorläufig bitte ich Sie, diese Übung täglich durchzuführen, im Idealfall zwei- oder dreimal. Selbst wenn das anfangs nur wenig zu bewirken scheint, geben Sie nicht auf! Mit der Zeit wird es Ihnen sehr viel bringen. Und falls Ihr Kopf ungeduldig auf Ergebnisse warten sollte, denken Sie an diese Worte des großen schottischen Autors Robert Louis Stevenson:

Beurteilt jeden Tag nicht nach der Ernte, die ihr einbringt,
sondern nach den Samen, die ihr pflanzt.

Quelle: »Wer vor dem Schmerz flieht, wird von ihm eingeholt« von Russ Harris, Kapitel »Freundlich mit sich umgehen« S. 48-51

Aloha*

 

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Veröffentlicht von

Mein Name ist Markus Hüfner. Ich bin Blogger, Webdesigner und Künstler. In diesem Blog schreibe ich über meine Erfahrungen mit der Heilkraft der buddhistischen Psychologie und dem richtigen Reduzieren und Absetzen von Psychopharmaka auf Stand der aktuellen Wissenschaft.